Als Frédéric Chopin die folgenden Sätze an seinen Geliebten Tytus Woyciechowski schreibt, ist er, wie er zuvor betont, »nicht angezogen«: »Heute wirst du träumen, dass Du mich küsst«, formuliert er. »Ich muss es Dir für den widerwärtigen Traum heimzahlen, den Du mir heute Nacht heraufbeschwört hast.« Eine schriftliche Revanche für schmutzige Fantasien offenbar – adressiert an einen Mann. Und das ist bei weitem nicht das einzige Bekenntnis dieser Art in den knapp 800 überlieferten Briefen zwischen Chopin und seinen Freunden und Bekanntschaften.
Auf diese Briefe, vor allem, aber auch auf Archivmaterial aus polnischen und Pariser Bibliotheken, darunter auch neu erschlossene Quellen, stützt sich Moritz Weber für seine Abhandlung Chopins Männer. Über 500 Seiten widmet der Autor und Kulturjournalist einerseits der schon lange währenden Debatte um Chopins Liebesleben, den irreführenden Erzählungen um vermeintliche Liebhaberinnen und anderen falschen Narrativen der Musikgeschichtsschreibung; andererseits taucht er in die Biografien der 13 wichtigsten Liebhaber des Komponisten ein und widmet jedem von ihnen ein eigenes Kapitel. Die größte Rolle nimmt dabei der musikbegeisterte Großgrundbesitzer, politische Aktivist und Landwirt Tytus Woyciechowski ein: Der etwa Gleichaltrige war nicht nur Chopins Jugendliebe, sondern begleitete ihn als vielleicht wichtigste emotionale und romantische Bezugsperson sein ganzes Leben lang. Ihm widmet Chopin mehrere Kompositionen, lebt zeitweise mit ihm zusammen, schreibt ihm die heißblütigsten Liebesbriefe: »Dem Klavier erzähle ich das, was ich Dir oft sagen würde«, gesteht er im Oktober 1829. »Wenn Du kannst, schreib mir ein paar Zeilen, dann wirst Du mich wieder für ein paar Wochen glücklich machen […] denn ich liebe Dich wahnsinnig.« Oder auch: »Ich durchdringe deinen Geist, und … umarmen wir uns […] Gib‘ noch einen Kuss […] Verzeih‘, dass ich so ein Schwein bin, unter uns gesagt.«
Explizite Briefstellen wie die an Tytus Woyciechowski sind zwar seit Langem bekannt: Chopin, der seinen männlichen Freunden rhetorische Küsse schickt, Umarmungen, erotische Fantasien, herzzerreißende Liebeserklärungen – von all dem weiß die Musikwissenschaft, weiß die Chopin-Forschung eigentlich immer schon. Allein: Umgehen wollte man damit nicht – oder wusste einfach nicht, wie. Ziemlich drollig wirken etwa die Einordnungen des ersten deutschen Chopin-Biografen Friedrich Nieck, der 1888 schreibt: »Würden wir den Schreiber und die adressierte Person nicht kennen, so könnte man meinen, dass die beiden folgenden Stellen von einem Liebhaber an seine Geliebte geschrieben worden sind oder vice versa.«
Romantische Liebe konnte und durfte es also nur zwischen Mann und Frau geben. Wie stark diese heteronormative Vorstellung das öffentliche Bild des Komponisten geprägt hat und damit auch die Analyse und das Verständnis seiner Musik, wird bei der Lektüre offenbar. Die Erzählungen von Frédéric Chopin als vermeintlicher Frauenheld etwa, der sich heimlich mit der 17-jährigen Maria Wodzińska verlobt haben soll, stammen »größtenteils aus dem so homophoben wie misogynen und überdies von Zensur geprägten 19. Jahrhundert«, schreibt Weber. Allerdings wurden solche Narrative fast 300 Jahre lang kaum kritisch hinterfragt, im Gegenteil: Die Forschung konzentrierte sich hauptsächlich auf Chopins Beziehungen zu Frauen und romantisierte diese, obwohl er zum weiblichen Geschlecht selten mehr als freundschaftliche Kontakte pflegte. Mit George Sand auf Mallorca? Das ging wohl eher in Richtung Ersatzmutter. Eine Affäre mit der Sängerin Henriette Sonntag? Keinerlei Belege.
Selbst manche Insider »aus den altehrwürdigen Chopinologen-Kreisen«, so Weber, würden Chopins Liebesbeziehung zu Tytus »hinter vorgehaltener Hand« nicht mehr abstreiten. Was nicht bedeutet, dass diese nun Common Sense sei. Ein Kapitel in der neuesten Publikationdes renommierten Narodowy Instytut Fryderyka Chopina von 2024 etwa behauptet, die These vom »homoerotischem Charakter« der Korrespondenz zwischen Chopin und Woyciechowski sei »unhaltbar« und nur darauf ausgelegt »eine bestimmte Wirkung zu erzielen und den Leser zu schockieren«. Bis heute finden sich im Chopin-Museum in Warschau Übersetzungen von anderen Briefen, in denen die Pronomen des Adressaten feminisiert wurden – als habe Chopin seine Worte an eine Frau gerichtet. Dabei hat der Komponist laut Weber »an keine einzige Frau je einen Liebesbrief geschrieben«. Wenigstens ist kein solcher überliefert.
Chopins Briefe an seine Liebhaber erzählen aber nicht nur von der Liebe. Sie sind auch Zeugnis queerer Lebensrealitäten im 19. Jahrhundert. Als 1830 in Warschau der Novemberaufstand ausbricht – Chopin ist mit Woyciechowski gerade in Wien –, trennen sich ihre Wege: Der Komponist reist weiter nach Paris, Woyciechowski hingegen kehrt um und geht an die Front. Paris wird zu Chopins Wahlheimat, was er in der französischen Hauptstadt erlebt, verändert sein Leben. Sosehr er Tytus vermisst, sosehr genießt er die Freizügigkeit der Stadt, in der die Menschen so leben können, wie sie wollen: »Paris ist alles, was Du willst«, schreibt er an Tytus.
Beide Männer werden in einer Zeit sozialisiert, in der Homosexualität unter Strafe steht. In England droht bis 1828 sogar die Hinrichtung, auch das unter russischer Herrschaft stehende Polen definiert homosexuelle Handlungen, Kontakte und Beziehungen explizit als strafbar, ab 1847 droht überdies die Deportation in sibirische Straflager. Für die Betroffenen bedeutet das vor allem, extrem vorsichtig sein zu müssen – und sich oft selbst zu zensieren. Chopin leidet darunter, sich kaum jemandem anvertrauen zu können und schreibt an Woyciechowski: »Was meine Gefühle anbelangt, bin ich immer in Synkopen mit den anderen. Deshalb quäle ich mich.«
Historikerinnen und Historiker fordern schon länger, dass die Lebensumstände queerer Künstler und Komponistinnen der Vergangenheit aufgearbeitet werden müssen. So gesehen überraschen Webers Untersuchungen zu Chopin nicht – die Briefe, wie gesagt, waren mehr oder weniger bekannt. Bestürzender ist die Tatsache, dass Chopins Männer die erste ausführliche Monografie zu diesem Thema ist.
