Die Geschichte, die der Dirigent Kent Nagano im Juli im Frühstücksraum eines Wuppertaler Hotels ausbreitet, könnte aus einem Roman stammen. Vielleicht wird sie irgendwann zu einem werden, wer weiß, doch Naganos Erzählungen von der Pianistin, Musikpädagogin und Komponistin Yvonne Loriod beruhen auf den realen Begegnungen, die er als junger Dirigent mit ihr hatte. Und auf den unglaublichen Entdeckungen, die Nagano nach ihrem Tod 2010 in einem Pariser Archiv machte.
Kent Nagano – unauffällig gekleidet, leise Stimme – erzählt gern von dem Jahr, das er als Student in Loriods Zuhause verbrachte. Er spricht mit einem Staunen, als hätte sich all das gerade erst zugetragen. Vom großzügigen Appartement mitten in Paris, in dem er mit Loriod und deren Mann Olivier Messiaen, dem später berühmten Komponisten, bei Tisch saß und Loriods Kochkünste genoss; Diskussionen, die sie über Musik führten, Sprachunterricht bei ihr, in dem Flüche eine besondere Rolle spielten, Anekdoten über die am Steuer zur Furie mutierende Yvonne im Auto.
In täglichen Klavierstunden lernte der junge angehende Dirigent aus den USA in diesen Monaten bei der Ausnahmepianistin die Grundlagen authentischer Musikinterpretation. Jede Musik, daran erinnerte ihn seine Lehrerin, ist zum Zeitpunkt ihrer Entstehung zeitgenössisch – und so galt für sie, egal aus welcher Epoche ein Werk stammt, stets der gleiche Grundsatz: »Als allererstes musst du verstehen, was der Komponist geschrieben hat«, sagte sie, nachdem er versucht hatte, ihr ein Werk genau so vorzuspielen, wie sie selbst es auf einer Aufnahme getan hatte. »Du musst in der Lage sein, das Werk so zu spielen, wie es in den Noten steht, und dann, nach vielen, vielen Jahren und Aufführungen und intensiver Zusammenarbeit mit dem Komponisten, kannst du anfangen, deinen eigenen Atem, deine eigene Erfahrung, deine eigenen Emotionen hinzuzufügen.«
Die Freundschaft zwischen den beiden blieb lange bestehen, vertiefte sich besonders nach Messiaens Tod 1992. Was Yvonne Loriod ihm allerdings verschwieg und dann, als er davon erfuhr, unter den Tisch zu kehren versuchte: dass sie selbst komponierte. Und zwar nicht nur kleine Stücke nebenher, wenn sie zwischen Haushalt, Unterricht, Korrekturlesen der Kompositionen ihres Mannes, Klavierüben und Konzertieren mal Zeit hatte; sondern eine beträchtliche Anzahl abendfüllender Riesenwerke. »50 oder 60 Manuskripte« entdeckte Kent Nagano vor ein paar Jahren in ihrem Nachlass in der Bibliothèque National de France, handgeschrieben auf Papier. Eines davon wird er jetzt beim Musikfest Berlin uraufführen: La Sainte Face – ein 90-minütiges Stück, dem Nagano das Potenzial zum »Meisterwerk« attestiert.
Doch wie kann es sein, dass eine so herausragende, gefragte, viel beschäftigte Musikerin und Künstlerin im stillen Kämmerlein große Orchesterwerke und Oratorien komponiert – und dem Rest der Welt nichts davon erzählt? Yvonne Loriod, am 20. Januar 1923 im französischen Houilles geboren, hatte schon als Jugendliche ein außergewöhnliches musikalisches Gedächtnis, was später zu ihrem Markenzeichen wurde: In regelrechten Marathonkonzerten spielte sie das gesamte Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach oder Wolfgang Amadeus Mozarts komplette Klavierkonzerte – ohne einen Blick in die Noten zu werfen.
Ihre Auffassungsgabe muss außergewöhnlich gewesen sein: Viele ihrer Partituren, darunter hochkomplexe Konzerte von Béla Bartók und Arnold Schönberg, enthalten kaum Notizen. Aus den späteren Jahren sind höchstens kleine pense-bêtes von ihr enthalten – auf Notenpapier gekritzelte einzelne Takte oder A4-Blätter mit musikalischen Notizen. Für ihre musikalischen Interpretationen entwickelte sie sogar spezifische Spieltechniken: »Für die Artikulation eines Cluster-Akkords im Bass zum Beispiel hat sie die Finger der linken Hand auf den Tönen des Clusters platziert und die rechte dafür genutzt, um wie mit einem Hammer einen zusätzlichen Impuls auf diese Hand auszuüben«, sagt Nagano. Sie spielte den Akkord dann nicht allein aus der Kraft der linken Hand, sondern nutzte zusätzlich die andere Hand als Verstärkung. »Das gab dem Akkord einen ganz besonderen tiefen, runden, perkussiven Klang, mit außergewöhnlicher energetischer Tiefe. So etwas hört man normalerweise nicht.«
