Am Anfang ist nur sein Gesicht. Fahl angeleuchtet vor dunklem Hintergrund, die Augen sind geschlossen. Teodor Currentzis liegt halb auf dem Rücken, trägt Kopfhörer und lauscht – seiner eigenen Version von Mahlers 3. Sinfonie.
Übersetzt werden seine Gedanken im Untertitel: „Die ersten Geigen müssen rauskommen“, sagt er etwa. Und: „Dieser Vorschlag muss bitter sein.“ Oder: „Celli. Als ob das Meer ausgetrocknet wär und die Menschen den Blick nach innen richten, um sich selbst zu finden.“
Mahlers 3. Sinfonie, das lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer des Films „Junkies of Dreaming“ schnell, die kennt der Dirigent ziemlich gut. So gut, dass er sogar Angst hat, das Werk könnte ihm „zu“ vertraut werden, könnte seine Magie verlieren:
Zitat: „Wie wenn man Distanz zu den Menschen hält, die man liebt, weil man sie so sehr braucht. Deshalb hält man Abstand.“
Und Currentzis will nicht weniger als das: „eine der besten Aufnahmen“ dieser Sinfonie produzieren, wie es sein Toningenieur an einer Stelle ausdrückt:
Zitat: „Dies muss eine der besten Interpretationen aller Zeiten von Mahlers Dritter werden.“
Auf diesen Weg nimmt uns die Dokumentation mit. Wir sehen Currentzis beim Konzert, bei der Aufnahme und in der Probe mit seinem Utopia Orchestra. Seine Herangehensweise ist millimetergenau, geradezu perfektionistisch: Alle paar Takte bricht Currentzis ab und gibt dem Orchester Anweisungen, teilweise ganz technisch, teilweise mit bildlichen Vergleichen:
Das sei zu offensichtlich, sagt er hier, und weist die Musikerinnen und Musiker auf das Licht hin, das in den Saal fällt: Genau so solle die Musik klingen. Es gehe nicht um „lauter oder leiser“, sondern darum, die Harmonie einzufärben.
Seinen Musikerinnen und Musikern verlangt er dabei höchste Konzentration und technische Perfektion ab. Seine Vision steht an oberster Stelle, und das macht er dem Orchester auch unmissverständlich klar:
Zitat: „Wenn wir so ein Pianissimo spielen, dann hört man die ganze Magie Mahlers. Wenn man aber so macht: ‘Maestro, wir wollen spielen! Das ist doch kein Klang’, dann hört man die Musikerpersönlichkeiten, aber nicht die Musik. Wir löschen unsere Persönlichkeiten aus, damit die Persönlichkeit der Musik erscheint. Wir alle dienen der Idee.“
Derjenige, der diese Idee verstanden hat, ist dabei er selbst.
Oberflächlich betrachtet zeigen die Bilder alltägliche Situationen aus dem Leben von klassischen Musikerinnen und Musikern, Szenen aus der Arbeit eines jeden Dirigenten dort draußen. Dieses Alltägliche, das wir in der Dokumentation sehen, will aber nicht alltäglich sein – das suggeriert die Erzählhaltung dieser Dokumentation. Zwischen die Probenaufnahmen schneidet das Team um Regisseur Jan Schmidt-Garre immer wieder kleine Szenen mit zwei Darstellern: Ein junger Mann und eine junge Frau, die am Fluss oder im Café sitzen oder in einem See schwimmen. Zu diesen bewegten Stillleben hören wir Gespräche – montiert aus Zitaten von Gustav Mahler und Antworten von seiner Frau Alma Mahler.
Zitat: „Ich könnte den letzten Satz auch nennen: Was mir Gott erzählt.“
Gustav Mahler erwacht in dieser Dokumentation durch Teodor Currentzis‘ Interpretation also wieder zum Leben. Durch ihn spricht der Komponist selbst zu uns, will das sagen – und, das suggerieren die Zitate von Mahler selbst, durch Mahler wiederum spricht Gott. Die Regie des Films macht aus dieser Hybris keinen Hehl: Ganz so wie Currentzis selbst in den Intervieweinstellungen, vor dem Orchester oder in der Zuhör-Situation zu riesengroßen bedeutungsschwangeren Sprachbildern greift, so hebt die Dokumentation im Umkehrschluss auch ihn auf ein Podest – auch auf bildlicher Ebene. Am Ende etwa fällt ein einziger gleißender Lichtstrahl durch den Probensaal auf seine Gestalt und erleuchtet den Dirigenten wie eine christliche Ikone.
„Junkies of Dreaming“ ist eine intensive Musikdokumentation, aufwendig produziert und virtuos geschnitten – das erzeugt visuell und akustisch durchaus faszinierende Momente. Allerdings ist dabei unübersehbar , wie der der Film seinen Protagonisten und dessen Arbeit überhöht. Etwas weniger Gewicht hätte gerade dem umstrittenen Currentzis sicherlich ganz gutgetan.
