Beat und Schubert

Aus dem vollgesprayten Gebäude hinterm Bahnhof in Köln-Ehrenfeld dringt Gesang auf die Straße, ein silbriges Timbre, kontrolliert, leicht, und mischt sich mit allerlei diffusem Großstadtrauschen und den Geräuschen eines Umzugs nebenan. Der Tenor Christoph Prégardien merkt nichts von dem Lärm, zwei Stockwerke höher schwelgen er und die Pianistin Elenora Pertz gerade in den Liebesbekundungen von Franz Schuberts Lied Bei dir allein. Ihnen hört jemand zu und klinkt sich bald musikalisch ein. Die Haare hochgebunden, ein schwarzes Notizheft auf dem Schoß, konzentrierter Blick – die Rapperin Älice. Im Takt bewegt sie leicht ihren Kopf.

Älice ist über 30 Jahre jünger als der gestandene Opern- und Liedsänger. Ein Star ist auch sie, nur in einer komplett anderen Szene. Bekanntheit hat sie vor allem als Gründungsmitglied und Stimme des Duos Chefboss erlangt, später durch ihre Solo-Alben Zebra und Wo die Mango wächst sowie seit 2023 als Frontfrau der Urban-Brass-Band Moop Mama. Ihr Genre ist Dancehall, Afrobeat und R ’n’ B, mit Einflüssen aus dem Reggae, dazu politischer Rap und Hip-Hop, versetzt mit karibischen und Soul-Einflüssen. Ihr Sprechgesang schwingt melodisch, weich, mit etwas angerautem Sound und Texten vor allem auf Deutsch, immer mal auch auf Englisch, ein bisschen Spanisch und Portugiesisch, Polnisch oder das karibische Patois (Kreolisch). Mit Moop Mama sind die großen Festivalbühnen ihr Zuhause, die Plätze, Parks und Szene-Clubs der Großstädte. Auf Solo-Tour begegnet man ihr im Kleinen Saal der Elbphilharmonie oder im Garten der Berliner Nationalgalerie.

Und jetzt sitzt sie hier neben Christoph Prégardien – einem der bedeutendsten lyrischen Tenöre dieser Zeit, einer Koryphäe der Schubert-Interpretation, ehedem Professor an der Kölner Musikhochschule, mittlerweile auch Dirigent – und kommentiert seinen zum Niederknien schönen Spitzenton in Bei dir allein. Älice tut das mit einem anerkennenden, lang gezogenen »Bro!«.

Auf den ersten Blick prallen hier Welten aufeinander, bei dieser allerersten persönlichen Begegnung der beiden. Etwas weniger als zwei Wochen vor ihrem gemeinsamen Auftritt beim Liedstadt-Festival in Hamburg hören sie gerade zum ersten Mal im gleichen Raum ihre Stimmen und sehen sich in die Augen. Prégardien bringt vor allem Schubert mit, Älice hat eigene, neu geschriebene Songs dabei, inspiriert von Gedichten des US-amerikanischen Schriftstellers und Bürgerrechtlers Langston Hughes. Das Zusammentreffen der beiden Musiker war Kian Jazdis Idee, eines Mitgründers des Liedstadt-Festivals, der mit diesem Crossover ein »Symbol der Begegnung, des Zusammenseins, der Diskursfähigkeit« schaffen wollte: »Wir wussten, dass Älice ein großer Fan von Christoph ist und dass Christoph sehr offen ist für Experimente«, sagt er – die Entscheidung lag sozusagen auf der Hand. »Was beide mitbringen, ist eine absolute Neugier und ein Interesse und Respekt für andere Kunstformen.«

Und hier stehen sie nun, als Vertreterin und Vertreter des klassischen Lieds und des zeitgenössisch-feministischen Rap, und hören sich erst einmal nur zu. Älice lauscht 200 Jahre alter Lyrik wie »Bei dir allein weht mir die Luft so labend«, und Christoph Prégardien wippt mit dem Fuß zu Zeilen aus Älice’ Feder, die in ihrem Flow so klingen: »Vielleicht ist es dieser gottverdammte graue Himmel / Oder vielleicht bist es du / Vielleicht ist es dieser Monat, der mir durch die Knochen geht / Oder vielleicht bist es du.« Am Ende unterscheiden sich die Themen, über die Hugo Wolf, Goethe, Langston Hughes oder Älice schreiben, recht wenig voneinander. Aber das ist eh klar.

»Die Stücke, die Christoph vorhin gesungen hat, die sind einfach alle geil«, sagt Älice später. »Ich fand es einfach schön, und ich mag an klassischer Musik, wenn sie schön ist. Genau wie Wien schön ist. Und das kann doch auch einfach mal so sein, oder?« Ein Unbehagen bei den alten Texten empfindet sie in diesem Programm nicht, »wir haben aber auch darauf geachtet, dass die Zeilen nicht so extrem aus der Zeit gefallen sind, dass man die heute nur mit Triggerwarnung aufführen könnte«. Einen Schreckmoment aber habe sie gehabt mit Blick auf das Hughes-Gedicht Faithful One, das sie ursprünglich sogar selbst als einen Leittext für das Programm ausgewählt hatte. »Da sagt das lyrische Ich im Grunde: ›Egal, wie besoffen und verschallert ich bin und ob ich um sechs Uhr morgens an deiner Tür stehe, ich klopfe und du machst mir immer auf. Deswegen bist du die Beste.‹ Das ist das Gedicht. Und ich dachte, Shit, das kann ich so nicht stehen lassen. Deshalb habe ich das absolute Gegenteil in meinem Song gemacht, ein, ich sage mal, ›How to be a good partner 2026‹.«

Christoph Prégardien war vor der Begegnung aufgeregt, erzählt er in Älice’ Beisein. »Du hast so eine Lockerheit in deiner Art, so einen Hüftschwung, und wenn ich dann singe, fühle ich mich wie ein Elefant im Porzellanladen. Das ist etwas, was ich lernen muss, diesen freien Umgang und dieses Schweben über dem Rhythmus.« Und sie antwortet: »Aber das hast du, Christoph.«

Für den 70-Jährigen war Älice zunächst eine Unbekannte, umgekehrt begleitet sein Gesang die Rapperin schon lange – seit ihrer Jugend nämlich, als sie für die Nouvelle Vague und französische Filme schwärmte. »Dazu gehörte auch Isabelle Huppert und ihre Rolle in dem Film La pianiste«, erinnert sich Älice. »Da gab es dieses Lied: Im Dorfe. Ich hatte keine Ahnung vom Lied, aber das habe ich im Film gehört und war so, Digga, was ist das? Ich bin original am nächsten Tag zu Saturn gegangen und habe mir den Soundtrack vom ganzen Film reingezogen, nur, um Im Dorfe zu hören.« Im Klappentext sieht sie zwei Namen, die sich einbrennen: Christoph Prégardien und der Pianist Andreas Staier. »Ich habe das rauf und runter gehört und dazu geträumt. Und jetzt Christoph zu begegnen und ihn hier live zu hören auf Kollegenbasis, das ist crazy.«

Die Begegnung der beiden wirkt skurril und überfällig zugleich: der weiße alte Mann und die schwarze junge Frau, die ihre so gegensätzlich wirkenden ästhetischen Welten nebeneinander auf eine Bühne stellen – über alle Epochen, Generationen, Arbeitsweisen und kommunikativen Gewohnheiten hinweg. Dabei ist dieses Treffen kein hochkulturelles Integrationsprojekt, sondern birgt durchaus Sprengkraft. Wenn Schuberts Klangpoesie, wenn Prégardiens elastischer Gesang auf Älice’ urbane Beats prallen, geraten die Kontrollmechanismen beider Kunstformen ins Wanken. Die 200 Jahre alte musikalische Poesie tritt hinter dem schützenden Vorhang einer bildungsbürgerlichen Etikette hervor und muss sich gegen die Direktheit popkultureller Gegenwart behaupten. Und Älice steht plötzlich in einer Reihe mit der »meisterhaften« Musik gleich mehrerer historischer »Genies«. Sie selbst wedelt den Gedanken rasch beiseite: »Ich denke gar nicht darüber nach, dass ich neben Goethe stehen soll. In dieser Hinsicht isoliere ich mich ein bisschen und sage, das ist halt mein Ding, das wir hier zusammen machen. Ich will gar nicht auf die Idee kommen, mich zu vergleichen.«

Die Hochachtung füreinander liegt dabei in der Luft des kleinen Kölner Proberaums. »Deine Form des schöpferischen Arbeitens bewundere ich«, sagt Christoph Prégardien später zu Älice. »Das ist eine Form von Unmittelbarkeit und Modernität, die uns in der Klassik oft fehlt.«

Ob das eine durch dieses Projekt auf wundersame Weise in das andere übergehen wird, scheint eher zweifelhaft. Viel spannender ist es, zu beobachten, wie sich beide in der Begegnung ihrer Masken entledigen und voreinander radikal verletzlich werden. Und das vor allem, wenn sie zum Schluss ihr Duett singen. Über Hughes’ Gedicht Birth hat Älice eine Ballade geschrieben, in der sie über die lang gezogenen Gis-Moll-Kantilenen des Tenors rappt. Vielleicht wird das die Geburtsstunde eines neuen Subgenres.