Wie klingt eine Welt, die langsam zerbricht? In der nicht nur der Humanismus und die daraus entstandenen demokratischen Systeme bröckeln, sondern auch die Verbindungen zwischen den Menschen, die in ihnen leben? Offenbar kann man sich auch ästhetisch so wenig mehr auf Gemeinsames besinnen, dass das Motto der diesjährigen Donaueschinger Musiktage etwas ratlos »polyphonies« getauft wurde. Polyphonien also, gleichzeitig stattfindende (musikalische) Ereignisse, die zueinander in Bezug treten. Dieses Motto ist so allgemein, dass es über nahezu jedes Musikfestival geschrieben werden könnte. Denn wenn unsere Verschiedenheit das Einzige ist, worauf wir uns noch einigen können, dann verlieren wir: Empathie, Interesse und Verständnis füreinander, Zuneigung zueinander. Genau das konnte man am vergangenen Wochenende hören.
Im musikanalytischen Sinne streng polyphon war in dieser Ausgabe kaum ein Werk. Die Polyphonie beschränkte sich oft mehr auf das fragmentarische Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit von Ideen: Stefan Prins’ Madness Machines für Orchester und Elektronik etwa verlor im Geräuschwahnsinn jegliche Richtung. Andere Werke fokussierten sich auf eine einzige Idee, gelegentlich sogar nur auf einen einzigen Ton oder Klang: Éliane Radigue in ihrem OCCAM XXV zêta für Orgel und Blasinstrumente oder Marina Rosenfeld in XY (für die gleiche Besetzung) untersuchen im Grunde die Facetten eines Orgelpunkts und erschaffen Klangskulpturen. Beide bleiben organistisch betrachtet allerdings dann doch etwas fleischlos.
Ganz anders Steven Kazuo Takasugis konzeptionelles Gesamtkunstwerk Museum Factory: Da stehen die drei Schlagzeuger von Speak Percussion wie seelenlose Puppen nebeneinander und erzeugen ein Klickern und Flickern, ein Rauschen und Brausen, dreschen auf bizarre Metallskulpturen ein. In einem performativen Zwischenteil berühren, matschen, kneten und schlagen sie ihre eigenen Gesichter. Diese Spielerinnen agieren parallel, mechanisch und technisch perfekt zusammen – aber nicht miteinander. Immerhin bleibt das Stück selbst nicht Fragment wie Simon Steen-Andersens beeindruckende und extrem unterhaltsame Video-Performance-Albtraum-Collage UR über Kurt Schwitters Ursonate – die war am Aufführungstag schlicht nicht fertig. Eine Seltenheit in der über 100-jährigen Geschichte der Musiktage.
Zersplitterung frisst sich auch durch Rebecca Saunders und Ann Cleares Werke thirst und Deam Machine für jeweils 18 Streicher: Unabhängig voneinander teilen beide Komponistinnen das Orchester in zwei Hälften und werfen rhythmische, klangliche und motivische Spiegelungen wie Lichtreflexionen durch den Raum. Die Musik flirrt dabei wie von ihrem eigenen Körper losgelöst, alles haucht, flüstert, die Dämpfer auf den Saiten dimmen den ohnehin heiseren Klang. Was, fragt man sich, wagt die Musik hier nicht auszusprechen?
Nach solchen Konzerten verstärkt sich das Gefühl, durstig eingezogen zu sein und hungrig wieder aus. Dazu passt, dass Yann Leguay im kalten, nassen Schlosspark am Vorabend der Musiktage zwar Feuer entzünden lässt, die Menschen, die sich daran wärmen möchten, aber mit einer Art akustischem Laubbläser davon abhält, sich so weit zu nähern, dass sie nicht mehr frieren. Der politischen Idee hinter der Installation geht es also um die verlorene Verbindung zwischen Mensch und Umwelt. Die eigenen eiskalten Zehen danken es dem Komponisten dennoch nicht.
Das Loch im Magen der Besucherin wächst, Konzert für Konzert, Tag für Tag. Gleichzeitig dehnt sich eine Art seelisches Loch aus, eine Sehnsucht nach Körperlichkeit, Berührtwerden, nach Klangfülle und Bässen, frei schwingenden Saiten, Fellen, Pfeifen, Lippen. Die Musiktage 2026 zerdehnen diese Spannung bis zum bitteren Ende – fast. Erlösung bietet erst das Abschlusskonzert.
Einen bizarren Höhepunkt erreicht das Gefühl der Unverbundenheit zunächst mit Brigitta Muntendorfs Last Show. Gleichzeitig zur Musik sollte eine KI mit dem Publikum interagieren, es über Multiple-Choice-Surveys nach Eindrücken zum Gehörten befragen. Dass das System dabei nach wenigen Minuten crasht – »Verbindung unterbrochen« –, ist natürlich bezeichnend. Statt über 900 kommt am Ende nur ein Bruchteil durch. Aufmerksam zuhören sollte man, fordert die KI-Stimme wieder und wieder, während algorithmisch gleich klingende, repetitive, kurze Ensembleeinwürfe erklingen. Am Ende verkündet dieselbe KI-Stimme höhnisch lachend, dass die Fähigkeit des Zuhörens nunmehr für die Ewigkeit konserviert sei und es den Menschen dafür nicht mehr brauche.
Einen derartigen Buh-Sturm haben die Musiktage wohl seit den 1980er-Jahren nicht mehr erlebt – wurde hier etwa ein Nerv getroffen? Künstliche Stimmen verkörpern die Entfremdungserfahrung des 21. Jahrhunderts. Man ist ihrer überdrüssig, und die Empörung darüber, dass und wie Muntendorf sie in ihre Musik einbaut, hallt noch lange nach.
Da vermag etwas so selbstverständlich Unaufgeregtes wie zwei Musikerinnen – Susana Santos Silva (Trompete) und Aisha Orazbayeva (Violine) –, die in einer Kirche stehen und unverstärkt miteinander improvisieren, die gebeutelte Seele kurzzeitig zu trösten: Wunderschön, wie sie den Raum erforschen und durchschreiten, wie sie Distanz und Nähe in gegenseitiger Rücksicht aufeinander erproben und immer wieder zusammenfinden. Auch Gwendoline Robins Performance im Museum Art.Plus berührt, in der sie mit selbst gegossenen, gebrannten, geformten Murmeln, Tonscherben und Keramikformen sonore Sounds auf dem schwingenden Holzboden erzeugt. Sie rollt, trägt, schwingt und streichelt die Gegenstände, wiegt sich und tanzt mit ihnen und zerschlägt am Ende mit paradoxer Zärtlichkeit eine Glasplatte. Eine kleine Glaskugel wird hier zum Symbol: für seelische Nähe, Verständnis, für Liebe vielleicht, selbst wenn sich alles Äußere dagegenstemmt.
Viel radikaler noch, ja geradezu mitten in den Herzmuskel schießt Clara Iannotta mit into a world that is pure blue im Abschlusskonzert des SWR-Orchesters. Ihre Klänge durchströmen den Körper wie Wasser die Wurzeln einer vertrockneten Pflanze. Die Komponistin widmet sich ihrem musikalischen Material und den Instrumenten und Gegenständen des Orchesters mit der gleichen Achtsamkeit wie Gwendoline Robin zuvor. Da scheint es nicht darum zu gehen, diese für eine ästhetische Vision zu benutzen, sondern vielmehr darum, sie zu befragen, um ihnen das zu entlocken, was sie von sich aus ausdrücken wollen und können. Der Klang braucht denn auch keine zwei Sekunden, um den Saal während des Abschlusskonzerts der Musiktage vollständig zu erwärmen, aufzuwärmen – wie ein Wiedersehen von Freunden nach monatelanger Sehnsucht. Iannotta befreit die Schwingungen, die den verschiedenen Klangkörpern innewohnen; sie umarmt das Individuum. Die Hoffnung auf eine solche Berührung hatte man schon fast aufgegeben.
Und da ist klar: Das Miteinander in einer zerbrechenden Welt könnte gerettet werden, wenn wir das zwischenmenschliche Hinhören neu lernen, auch und gerade auf das Widerspenstige, Schwierige, Abstoßende. Und dieses möglicherweise sogar lieben lernen. Der Weg dorthin führt nach diesen Musiktagen mehr denn je durch Donaueschingen.
