Zuhause ist nicht Heimat

Eine Familienfeier irgendwo in Neapel, irgendwann im Jahr 1976. Besteck klappert, Stimmen murmeln durcheinander, jemand lacht, dann beginnt eine Frau ein altes neapolitanisches Lied zu singen. Neben ihr drehen sich die Spulen des Kassettenrekorders und schneiden ihren Gesang, den Sound dieses Moments, mit. Es ist nicht viel, aber bald das Einzige, was von dieser Großmutter geblieben sein wird – zumindest für die Familienmitglieder, die das Tape ein paar Tage oder Wochen nach seiner Aufzeichnung aus ihrem Stuttgarter Briefkasten holen. 

Wie viele Gastarbeiter sind auch die erwachsenen Kinder der singenden alten Frau nach ihrer Emigration in Deutschland geblieben. Sie schickten sich mit den Verwandten in Italien Kassetten wie analoge Sprachnachrichten von Land zu Land – günstiger als ein Telefonat war das allemal und umfangreicher als eine Postkarte. Die Kassette mit der Aufschrift »Canzone di Napoli 76« liegt mittlerweile im Stuttgarter Stadtmuseum an der Konrad-Adenauer-Straße in einer Vitrine und fiel dort vor drei Jahren der Komponistin Sara Glojnarić in die Hand. »Die Aufnahme hat mich unglaublich berührt«, sagt sie an einem Nachmittag im Juli in ihrem Studio in Leipzig Connewitz. »Mir war klar: Wenn es diese eine Kassette gibt, dann muss da noch viel mehr sein in den Stuttgarter Kellern.« Glojnarić machte sich auf die Suche, recherchierte, stöberte, kombinierte. Aus all diesen Fundstücken ist dann eine Operentstanden.

Glojnarić – 1991 geboren, Trägerin des Donaueschinger Orchesterpreises 2024 – ist selbst kein Gastarbeiterkind, sondern kam in den 2010er-Jahren aus Kroatien als Kompositionsstudentin nach Stuttgart. Zu Hause, sagt sie, wäre ihr Weg zu Ende gewesen: Sie konnte vom Komponieren nicht leben, hätte sich nicht weiterentwickeln können, fühlte, dass sie gehen musste. Angekommen in Stuttgart-Feuerbach, merkte die Künstlerin schnell, was für eine immense Bedeutung die südosteuropäische Migration seit den 1950er-Jahren für die Region hat: »Auf den Schultern dieser Menschen wurde der Reichtum der Stadt Stuttgart und des Landes mit aufgebaut«, sagt sie. »Doch ihre Geschichten finden auf den Opernbühnen und in der diskursiven Öffentlichkeit kaum statt.«

Mit dieser Beobachtung hat Sara Glojnarić recht. Was gab es seit Luigi Nonos Intolleranza 1960 – einer »szenischen Aktion« rund um den politischen Widerstand, die Isolation und die Fremdheitserfahrungen eines Gastarbeiters – schon an vergleichbaren Stoffen? Am serbischen Nationaltheater führte ein Ensemble 1977 Želimir Žilniks The Gastarbeiter Opera auf; 2010 wagte Kerem Can an der Neuköllner Oper mit Tango Türk ein Musiktheater aus der Sicht türkischer Migrantinnen, die nach dem Militärputsch 1980 nach Deutschland geflohen waren. Aber dann wird es dünn. Mit Blick auf eine Stadt wie Stuttgart fällt diese Repräsentationslücke besonders auf – hier hatten im Jahr 2023 laut Mikrozensus 48,8 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

Für Sara Glojnarić bedeutet das: Die Hälfte aller Stuttgarterinnen kennt dieses besondere Gefühl, das auch ihr vertraut ist, in Stuttgart, in Deutschland zwar zu Hause zu sein – und irgendwie auch nicht. Und viele von ihnen haben die Erfahrung gemacht, dass das Allermeiste, was hier so auf der Opernbühne passiert, mit ihnen nichts zu tun hat. Das könnte auch daran liegen, dass der Begriff »Heimat«, wie Mithu Sanyal in einem Essay schreibt, in Bezug auf Gastarbeiterinnen im deutschen Diskurs jahrzehntelang die »ursprüngliche Heimat« meinte, die Herkunft also und nicht Deutschland: »Bis ins Jahr 2000 konnten Menschen in dieses ›Heim‹ nur als ›Gäste‹ kommen, wohlgemerkt als Gäste, die arbeiten. Migration wurde als Phase und umkehrbarer Prozess betrachtet.«

Auch der Schriftsteller Max Czollek sagt, dass bis heute ein »bestimmtes verinnerlichtes Ideal« von gesellschaftlicher Homogenität im deutschen Diskurs über Heimat und Migration mitschwinge: »Tatsächlich kann man sich auch im Deutschland der Gegenwart radikale Vielfalt nicht als Status quo vorstellen. Oder warum heißt es immer Parallelgesellschaft und nie Subkultur?« Das spüren Menschen. Deshalb hat Sara Glojnarić in ihrer Arbeit den Begriff »Heimat« ganz bewusst durch »Zuhause« ersetzt: Drei Jahre lang sammelte sie Geschichten über das, was Zuhause für Stuttgarterinnen mit südosteuropäischem Migrationshintergrund bedeutet, wie es sich anfühlt und wie es klingt.

Gemeinsam mit ihren Gesprächspartnern hörte sie mitgebrachte Aufnahmen und Musik, manchmal stundenlang. »Alle, mit denen ich geredet habe, wussten genau, wovon ich spreche«, sagt Glojnarić. »Ich kann mich an kein Interview erinnern, in dem wir nicht alle geheult haben.« Dieses Gefühl, um das es oft ging, lasse sich nicht richtig beschreiben. »Es ist der Motor, der ganz viele Entscheidungen beeinflusst. Es ist immer mit Traurigkeit verbunden, egal, ob jemand selbst Migrationserfahrung hat oder die Eltern oder Großeltern. Das vererbt sich wie ein intergenerationelles Trauma.« Fragen wie diese bohren sich permanent auch in ihr eigenes Gehirn und Herz: Warum musste ich weggehen? Warum eine neue Sprache lernen, alles hinter mir lassen, mir ein komplett neues Leben aufbauen? Was habe ich verpasst? 

Station Paradiso nennt Glojnarić ihr daraus entstandenes Musiktheater. Als »Paradies« werden sowohl das Ziel der Reise als auch das verlassene Zuhause oft imaginiert. Doch existieren diese Paradiese überhaupt, hier wie da?

Besonders bei jungen Menschen der dritten Generation beobachtete die Stuttgarterin eine starke Identifikation mit dem Zuhause der emigrierten Vorfahren: »Zwei Generationen später ist das Gefühl, ich bin Kroatin, ich bin Grieche, ich bin Türkin, fast noch ausgeprägter als bei den Großeltern. Und damit das Gefühl von Melancholie. Als würde man auf zwei Stühlen gleichzeitig sitzen.« Tatsächlich fand sie im Lauf ihrer Arbeit viele weitere Kassetten – manche davon in hundertfacher Kopie, weil die Besitzerinnen den Gedanken nicht ertragen konnten, die kostbaren Aufzeichnungen eines Tages zu verlieren.

Station Paradiso erwächst aus den Interviews und integriert die Mixtapes, Aufnahmen und Playlists als musikalische Codes in elf Szenen. Entlang einer Tour auf der alten Europastraße 5, die viele Familien im Sommer nutzten, um mit ihren Autos zu den Verwandten zu fahren, erzählt die Oper ihre Geschichten – wie ein musikalisch-narrativer Roadtrip. Das Werk soll einen Raum für die unsichtbaren Realitäten jener 48,8 Prozent der Bevölkerung und damit »ein akustisches Klangbild der Stadt Stuttgart« erschaffen. Der urbane Vordergrund (ratternde Straßenbahnen, zwitschernde Vögel) interessiert dabei nur zweitrangig: »Das hier ist ein Blick hinter die Kulissen dieser Stadt.« Nach 50 Jahren ein echtes Novum auf der Opernbühne.