Zeitgenössische klassische Musik im Radio ist so eine Sache, besonders der experimentellere Teil des Genres: „Piepstöne“ hat eine Freundin das Phänomen mal liebevoll genannt und damit oft Recht behalten. Ohne den Blick ins Orchester und auf den Dirigenten, ohne die Menschenspannung und dreidimensionale Hörerfahrung im Raum, in dem Komponistinnen ihre Ensembles gerne mal verteilen, erschließen sich manchmal nicht nur musikalische Zusammenhänge schwerer – es kann am Lautsprecher auch problematisch werden, zu erkennen, ob überhaupt gespielt wird oder nicht. Zarte Striche über den Korpus der Geigen, ein Hauch von Stoff am Fell der Pauke, Fingernägel entlang geriffelter Flügelsaiten, das alles sieht im Raum das Auge oft früher, spürt die Haut direkter, als dass das Ohr es hört.
Wo genau die Tonmeister ihre Mikrofone am Freitagabend ins Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gestellt haben, bleibt den Abwesenden vor den Radiogeräten während der Uraufführung von Olga Neuwirths Klarinettenkonzert Zones of Blue insofern verborgen. Kein Bild, nur Ton, ein Abenteuer. Welcher Atem da zu Beginn also durch Jörg WidmannsKlarinette strömt und welcher aus den Trichtern und Löchern der Orchesterinstrumente kommt (oder ganz woanders her, vielleicht aus einer Lüftung?), bleibt zunächst ein Rätsel. Die Besetzungsliste immerhin verrät: Es sitzt ein großes Orchester mit opulentem Schlagwerk und Blechbläsersektion auf der Bühne.
Erst nach und nach fächert sich das Spektrum dieses neuen Stücks von Olga Neuwirth auf, das die Mikrofone in der Münchner Isarphilharmonie problemlos erfassen und die heimischen Kopfhörer offenbar verlustfrei wiedergeben können. Aus dem Klangteppich fädelt sich ein dunkler Ton heraus und wächst durch obertöniges Orchestergestrüpp Richtung Trommelfell, parallel buhlen die tiefen Register des Flügels um Aufmerksamkeit. Der gesamte Apparat schnauft, holt Luft und prustet einem kurz darauf einen dissonanten Ausbruch in die Gehörgänge. Obwohl in diesem zweidimensionalen Klangraum direkt an der eigenen Ohrmuschel alles gleich nah erscheint, ist es doch nie gleich laut. Wie eine Lupe über einem Van-Gogh-Himmel isoliert und verstärkt der Kopfhörer den hypnotischen dunkelblauen Sog dieser Rhapsodie.
Einatmen, ausatmen
Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth gehört zu den ganz großen zeitgenössischen Komponistinnen. Seit den 1990er-Jahren arbeitet sie immer wieder eng mit der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zusammen und hat vor allem in der zeitgenössischen Opern- und multimedialen Kunstmusik ein beeindruckendes Oeuvre geschaffen. Dieses Stück widmet sie einerseits ihrem Solisten und Komponistenkollegen Jörg Widmann, andererseits ihrem 2023 verstorbenen Vater Harald Neuwirth, der jahrzehntelang als Pianist, Komponist und Pädagoge die Grazer Jazzgeschichte geprägt hat. Ihr musikalisches in memoriam ist zwar ein Trauerstück und blue durch und durch – der Titel spielt natürlich auf George Gershwins Rhapsody in Blue an oder auf Miles Davis Album Kind of Blue –, doch die 19 Minuten fließen, preschen, taumeln und tanzen durch alle möglichen Gefühlszustände. In tiefen Atemzügen wechseln sich immer neue akustische Szenen miteinander ab. Die Musik atmet ein – und ein sturzbetrunkenes Solo torkelt durch den Klangrauch eines Jazzkellers. Sie atmet aus – und die Triangel pingt im Wind, krächzen wehmütig die Multiphonics der Soloklarinette. Einatmen: Aufwärts eilende Tonleitern überholen eine wankende Rhythmusgruppe. Ausatmen: Der überblasene Übermut fällt zu einem Röcheln zusammen, hier und da zerpflückt das verstimmte Klavier die aufkommende Melancholie.
Zwischendurch meldet sich eine Trompete mit einer Blues-Skala zu Wort (Neuwirth ist Trompeterin!), dann wieder entweicht quietschend die Luft aus dem Orchesterballon, gefriert zu einem Tinnitusmosaik. „Ich bin müde vom Reden und vom Handeln“, heißt es in dem Gedicht von Tennessee Williams, das Neuwirth der Partitur voranstellt. „In meinem Herzen findest du eine winzige Handvoll Staub. Nimm ihn und blase ihn in den Wind.“ Trauer hat tausend Facetten.
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