Im Schwarzwald steht eine Traum- und Märchenfabrik

Es regnet Federn. Sie verfangen sich in den Haaren der Chorsänger, tanzen über die Leinwand, streicheln das Ehebett und den kleinen Röhrenfernseher im Bühnenbild. Dann fallen sie zu Tausenden von der Decke herab in den Zuschauerraum des Baden-Badener Festspielhauses.

Wenn es je einen Schwan gegeben haben sollte, der in der diesjährigen Inszenierung der Baden-Badener Osterfestspiele den heldenhaften Gralsritter Lohengrin übers Meer zog, dann ist spätestens jetzt klar: Dem Tier ist es danach nicht gut ergangen. Es wurde gerupft, hat sich in kleine, weiße Metaphern zum Anfassen aufgelöst: Reinheit, Zauber, Erlösung, Treue, Glaube – zum Festhalten und mit nach Hause nehmen. Armer Schwan. Schönes, brutales Bild.

Vor allem für diesen Abend: Nachdem die Berliner Philharmoniker – von Gründung an Hauptgestalter der Festspiele an der Oos – im Januar 2023 nach zehn Jahren überraschend ihre Rückkehr nach Salzburg erklärt hatten, stand der Baden-Badener Intendant Benedikt Stampa zunächst im Regen. Am Tag nach der ersten Premiere ohne die Berliner aber spricht er von einer „Emanzipationsgeschichte“: „Wir sind jetzt ein eigenständiges Festspiel, mit Gastorchestern oder Partnerorchestern und Künstlerinnen und Künstlern, die es beleben.“ Die neuen Partnerorchester sind einerseits das Mahler Chamber Orchestra (MCO) unter der Leitung von Joana Mallwitz und andererseits das von Klaus Mäkelä dirigierte Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam. Mallwitz übernimmt die Opern, Mäkelä die Konzerte.

Von beiden Orchestern verspricht Stampa sich – nicht nur, weil sie in ihrer Geschichte und Zusammensetzung jünger sind als die Berliner – „eine zeitgemäßere Interpretation“ der programmierten Stoffe. Über die entscheidet er auch nicht allein, sondern in Abstimmung mit den beiden künstlerischen Leitungen: Mallwitz zum Beispiel stimmte der Wagner-Oper Lohengrin nur unter der Bedingung zu, dass Piotr Beczała die Titelpartie singt – und überzeugte den Intendanten von Benjamin Brittens War Requiem für das Karfreitagskonzert. Dennoch sieht sie sich selbst nicht als Ritterin des Neuanfangs, sondern will eigentlich nur gute Opern machen: „Wir proben hier von morgens bis abends – und ich hoffe, dass die Menschen am Ende berührt sind.“

„Ich weiß, es ist ein Risiko, das in unserer säkularisierten Welt zu sagen“, sagt Stampa. „Aber ich finde, man muss glauben können.“ Wie die tapfere Elsa. Im Fall von Baden-Baden gilt das vor allem mit Blick auf die Spendenbereitschaft der Mäzene und Förderer: Einige der reichsten Familien Deutschlands (darunter Milliardäre wie Burda, Knauf und Kühne) haben 1996 in gemeinsamer Aktion das größte Festspielhaus Europas in die kleine 50.000-Einwohner-Stadt gepflanzt – ein goldenes Ufo in einem ehemaligen Bahnhof. Dreißig von ihnen haben diesem „Tempel der Träume“, wie Stampa ihn nennt, jeweils mehr als eine Million Euro gestiftet, und aus Förder-, Freundes- und Unternehmerkreis gehen jährlich weitere Millionenbeträge ein. Die öffentliche Hand übernimmt nichts, dafür kosten die Karten pro Abend allerdings zwischen 45 und 370 Euro.

Bei den Festspielen tragen die Männer Krawatte und die Frauen Abendkleid, viele kennen einander, im Club 300 in der Lounge ist man ganz unter sich. Die Soziostruktur, wie Stampa andeutet, ist hier eine deutlich andere als etwa in Dortmund, wo er vorher das Konzerthaus leitete. Dort schnitt sich die Stadtgesellschaft in einem Zusammenschluss aus öffentlicher, bürgerschaftlicher und unternehmerischer Hand gemeinschaftlich ein Haus aus den Rippen. „Das Milieu, das wir in Baden-Baden haben, ist ein starkes privates“, heißt das in Stampas Worten. Dementsprechend muss er zwar keine öffentlichen Förderrichtlinien befolgen oder einem Bildungsauftrag gerecht werden – dafür aber bestenfalls den Geschmack der reichen Unternehmerfamilien treffen. Letztes Jahr gab es das „Wagnis“ eines Boulez-Schwerpunkts, und dieses Jahr donnert Britten, aber insgesamt tut sich im Repertoire eher wenig: „Wir machen in einem der größten Operntempel Europas auch ein entsprechendes Programm“, so Stampa. Soviel zum „Neuanfang“.

Der Samstagabend ist vor diesem Hintergrund eine besondere Premiere. Nicht nur Benedikt Stampa, sondern vor allem Joana Mallwitz und das Mahler Chamber Orchestra springen mehrfach ins kalte Wasser: Die Dirigentin stand noch nie am Pult dieses Hauses, und das Orchester saß noch nie in diesem Graben – beide kannten sich vorher sonderbarerweise auch noch nicht. Zudem haben die meisten Musikerinnen und Musiker wenig Opernerfahrung, schon gar nicht mit Wagner. Das hier ist ihr erster Lohengrin.

Interessanterweise merkt man das aber kaum – und wenn, dann nur im Guten. Was Mallwitz am Samstagabend an Ideen in das Kollektiv hineingibt, spiegeln die Musikerinnen und Musiker mit Lust, Präzision und Intelligenz. Da heben kleine Motive und scheinbar nebensächliche Umspielungen in den Begleitstimmen kurz den Kopf, oder eine Nebenstimme tanzt für einen halben Takt aus dem Kollektiv hervor. Trotzdem zerfällt das feine Gewebe nicht in Einzelfäden. Die Musikerinnen und Musiker halten die Spannung, selbst in den ruhigsten, instabilsten und widersprüchlichsten Momenten, verlieren sogar nach einem glühenden Ausbruch nicht die Kontrolle über ihre Kraft. Setzt Gesang ein oder der Chor, fährt das Orchester augenblicklich die Lautstärke runter und gleichzeitig, wie es scheint, die Aufmerksamkeit hoch – so wird der Graben unter Mallwitz‘ Anleitung vor allem mit dem zweiten Akt zum Gleichgewichtsorgan der Erzählung. 

„Für mich ist hier ein Traum wahr geworden“, sagt die Dirigentin. „Ich konnte diese Oper genauso umsetzen, wie ich mir das wünsche. Die Musikerinnen und Musiker denken jede Wendung, jeden Vorhalt, jede kleinste Note und Zwischenstimme mit, genau wie die Kontur und Struktur des Werkes. Das ist einfach ein fantastischer Haufen.“

Dabei ist Lohengrin eine interessante inhaltliche Wahl für das neu strukturierte Festival: Zum Tode verurteilt für ein Verbrechen, das sie nicht begangen hat, erscheint Elsa (Rachel Willis-Sørensen) in der Oper aus dem Jahr 1850 ihrem Retter. Der kommt in Baden-Baden nicht auf einem schwanengezogenen Boot, sondern in der Mitte einer strahlenden Iris auf die Bühne gefahren – der Gott, der ihn sendet, schaut also zu. Den Kampf gegen Elsas Ankläger Telramund (Wolfgang Koch) gewinnt Lohengrin (Piotr Beczała), und als Belohnung darf er die Frau heiraten. Doch bei ihr bleiben will er nur unter der Bedingung, dass sie ihn niemals nach seinem Namen, seiner „Art“ und Herkunft frage, was natürlich nicht funktioniert. Nicht, weil Elsa töricht wäre oder dumm, sondern weil sie erkennt, dass mit einem Unbekannten, der ihr Frageverbote erteilt, keine Beziehung möglich ist. 

Das Liebesduett zwischen ihr und Lohengrin klingt am Samstag auch so: Es ist kein Duett, sondern ein Schlagabtausch, eine Diskussion „mit knallharten Argumenten“, wie Mallwitz sagt. „Und Elsa ist diejenige mit den guten und kreativen Ideen. Von ihm kommt nicht viel, und so finden die beiden trotz motivischer Vorgaben Elsas auch musikalisch nicht zusammen.“ In dieser Hörweise beschreibt die Oper mit dem Frageverbot also im Grunde eine antiaufklärerische, autoritäre Fantasie inklusive misogynem Treuetest gegenüber der widerständigen Protagonistin: Friss, Weib, oder stirb. Bei Wagner stirbt sie.

Regisseur Johannes Erath macht aus der Story keine Soap und kein Politikum – „mit Logik braucht man dieser Geschichte nicht zu kommen“, sagt auch Joana Mallwitz –, sondern erzählt ein düsteres Märchen. Seine Inszenierung macht mit dem Publikum im Grunde das, was Lohengrin mit Elsa macht: Kollektiv schauen die Besucherinnen und Besucher in eine wunderschöne leuchtende Schneekugel mit glitzernden Flächen, traumartigen Figuren, schwebenden Möbelstücken. Über versetzt wehende Vorhänge flackern schwarz-weiße Bilder, Illustrationen und Film-noir-artige Videosequenzen. 

Gemeinsam besuchen Chor und Publikum Kino, Restaurant und Rummel, fahren auf Schwanen-Gokarts durch Hochzeitsgesellschaften, bewundern ein Feuerwerk und staunen über Elsas endlosen Schleier auf einem gleißenden Catwalk – vorher erscheint sie, wie Botticellis Venus, göttinnengleich in einer weißen Lichtkegel-Muschel. Als Miniaturabbild der Bühne erinnert dabei ein Röhrenfernseher in der Ecke permanent daran, dass wir vermutlich einer Täuschung aufsitzen, aber egal. 

Ikonisch brennt sich das Bild der am Kopfende gespiegelten Betten von Elsa und ihrer Gegenspielerin Ortrud (Tanja Ariane Baumgartner) ein – die eine in Weiß, die andere in Schwarz. Inmitten dieses berückenden Bilderfantasmas wächst auf einmal die Idee heran, dass Protagonistin und Antagonistin, wie in Darren Aronofskys Horrorfilm Black Swan, vielleicht sogar zwei Facetten derselben Person sein könnten.

Wie Lohengrin aber nach Elsas Frage ihre Welt zerbrechen lässt, desillusioniert auch die Regie das verzauberte Publikum. Nach Lohengrins Selbsterklärung fällt der eiserne Vorhang, und als er sich wieder hebt, putzen, rödeln, werkeln Bühnenarbeiterinnen und -arbeiter bei grellem Licht an den Holz- und Stahlkonstruktionen und zerlegen die Märchenmaschinerie routiniert in ihre Einzelteile.

Dieses Ende erinnert an das verkaterte Aufwachen nach einer durchzechten Nacht. Leider ist nämlich nicht nur die Märchenwelt nicht wahr, sondern auch dieser Traum-Tempel und diese Festspiel-Blase existieren nicht außerhalb ihrer größeren Kontexte. Die Stadt Baden-Baden kämpft aktuell mit Schulden und spart massiv an Kultur, Sozialem, Pflege, Parks, Straßenreinigung, ÖPNV und dem Klinikum. Gleichzeitig hat sie die höchste Millionärsdichte in Deutschland. Wer aber will, dass die Baden-Badener Lohengrins und ihre Millionen im Haus bleiben, vor Ort, verärgert sie wohl besser nicht mit Fragen nach Art und Herkunft ihres Reichtums.

Benedikt Stampa träumt derweil davon, dass Baden-Baden in zehn Jahren die deutsche Festspielstadt geworden sein wird, mit ganzjährigem Programm. Richard Wagner würde sich darüber bestimmt freuen.