Ein Video zeigt die abstoßende Szene: Der Dirigent John Eliot Gardiner schüttelt die Hand der Konzertmeisterin, als hinter ihm eine Mitarbeiterin des Bachfests Leipzig auftaucht. In der rechten Hand hält sie kleine Papierrollen mit Pflanzensamen – ein Geschenk des Festivals, anstelle der üblichen Blumensträuße. Sie macht Gardiner darauf aufmerksam, dass sie nun die Rollen verteilen wird. Er greift sich daraufhin eine heraus und führt sie direkt zum Oberkörper der Frau, um sie in den Ausschnitt ihres T-Shirts zu stecken. Dafür fummelt er mehrere Sekunden lang mit beiden Händen an ihrem Kragen herum. Die Orchestermusiker bemerken das, manche lachen, andere wirken schockiert.
Denn John Eliot Gardiner bedient sich hier einer zutiefst erniedrigenden patriarchalen Geste, die das kulturelle Gedächtnis kennt: In Filmen und Theaterstücken (wie auch in der Realität) stecken Männer, häufig Freier, Tänzerinnen, Prostituierten oder Bardamen, die keine Taschen an ihrer Arbeitskleidung tragen, das Geld, mit dem sie ihre Körper und Dienste gekauft haben, ins Dekolletee. Der Kontext, aus dem die Geste kommt, ist also eindeutig – und mit ihm das dahinterstehende Frauenbild: Diese scheinbar kleine Handlung trägt eine weit verbreitete patriarchale Anspruchshaltung auf Frauenkörper in sich – und gleichzeitig ihre Verachtung.
In einer professionellen Situation wie dieser, in der das Geschlecht des Gegenübers egal sein sollte, fällt der misogyne Hintergrund dieser Geste umso mehr auf. Der Versuch, die Papierrolle in ihren Ausschnitt zu stecken, reduziert die Mitarbeiterin auf ihre Identität als Frau und degradiert sie im gleichen Zug als vermeintlich käufliches Objekt – in dieser vielleicht unbewussten Logik ist es dann auch ganz selbstverständlich, sie gegen ihren Willen einfach anzufassen.
Dabei ist komplett egal, ob Gardiner diese Geste nun bewusst gewählt hat oder eher, wie es aussieht, ohne darüber nachzudenken. Genauso egal ist, ob er die Papierrolle nun in den Ausschnitt der Frau oder an ihre Halskette stecken wollte – das zumindest betont sein Management, um die Situation zu relativieren. Nichts davon rechtfertigt oder entschuldigt diesen demütigenden sexualisierten Übergriff.
Dennoch sollten wir uns jetzt nicht auf John Eliot Gardiner versteifen, denn er steht mit dieser erschreckend selbstverständlichen Handlung für ein viel größeres Problem – nämlich für eine Welt, in der Jungs und Männern durch Geschichten, Bilder und politische Handlungen, durch Sprache und Gesetz vermittelt wird, dass Frauen und ihre Körper dem männlichen Begehren zu Diensten zu stehen haben, und zwar immer und überall. Gardiners fadenscheinige Entschuldigungs-Rechtfertigung zeigt, dass er einer von vielen ist, die das scheinbar noch nicht bewusst reflektiert haben. Jetzt hat er eine weitere Chance dazu. Der erste Schritt wäre eine richtige Entschuldigung ohne irgendwelche Versuche, den Übergriff schönzureden. Die Klassikwelt sollte ganz aufmerksam die Ohren spitzen – und solches Verhalten, wo immer es auftritt, ächten.
