Bei Aftab Darvishi ist die Geige ganz allein auf der Bühne. Zwei Töne umranken sich wie tanzende Körper in einem immer größer werdenden Radius. Sie wiegen sich, stützen sich und geleiten einander durch den gesamten Ton- und Klangumfang, den das filigrane Streichinstrument von der G- bis zur E-Saite so hergibt. Mit Likoo verneigt sich die iranisch-niederländische Komponistin vor traditionellen belutschischen Trauergesängen (Belutschisch wird in Teilen des Iran gesprochen) – und widmet diese ergreifende Musik ausgerechnet Anne-Sophie Mutter, jener Geigerin, die einmal in einem Interview erzählte, dass zeitgenössische Musik für sie stets eine „immense Herausforderung“ bedeute. Die 62-jährige Starmusikerin feiert dieses Jahr – unglaublich, aber wahr – ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Mutters großer früher Mentor hieß Herbert von Karajan, auch der Dirigent war nicht gerade als Freund gewagter neuer Klänge bekannt.
Doch Anne-Sophie Mutter macht keine halben Sachen: Mit dieser Aufnahme startet sie nämlich gleich eine ganze Albumreihe mit aktuellen Werken lebender Komponistinnen und Komponisten. Neben Aftab Darvishi haben auch Unsuk Chin, Jörg Widmann und Thomas Adès auf ihre Bitte hin Stücke für sie maßgeschneidert. Da zieht die Geigenstimme bei Adès’ Air – Homage to Sibelius (für Violine und Orchester) in absurd hoher Lage Kreise an einem harmonisch doch ziemlich blauen Himmel; und in Jörg Widmanns tonal-experimenteller Studie über Beethoven für Streichquartett friemelt die Interpretin immer wieder Zitate als kleine easter eggs aus der Partitur und hält sie ins klingende Licht. Das bewältigt Mutter mit ebenso viel Routine wie Verwunderung und tritt, wo es sein muss, im Quartettklang auch zurück. Unsuk Chins Gran Cadenza für zwei Violinen macht hier am meisten Spaß: Da stehen sich die beiden Stimmen buchstäblich wie in einem Ring gegenüber, eine virtuoser als die andere. Beide prunken mit Doppelgriffen, komplizierten Läufen und fiesen Lagen, und Nancy Zhou pariert ganz glänzend als Mutters Sparringspartnerin. Was für eine Show!
Der Titel East Meets West mag fürchterlich stereotyp gewählt sein. Das Album aber ist eine echte Ansage an alle, die Anne-Sophie Mutters anhaltendem Erfolg misstrauen, ja sich gar an ihrer technischen und musikalischen Perfektion stören. Jetzt wissen wir: Die Ausnahmegeigerin arbeitet längst und durchaus kampfeslustig daran, sich nachhaltig auch in den Kanon der Gegenwart einzuschreiben.
