Männer verdienen im Schnitt mehr als Frauen, auch heute noch. Und vor allem im Kulturbereich. Bei 25 Prozent liegt der sogenannte Gender Pay Gap in der freien Szene laut der Gewerkschaft ver.di – und damit deutlich höher als in anderen Branchen. Woran das liegt und welche Lösungsansätze es gibt.
Egal, wie gut ihr Studienabschluss ist, egal, wie sehr sie sich im Beruf engagiert, egal, wie viel sie arbeitet – statistisch gesehen wird eine Frau, egal in welcher Branche, immer weniger Geld verdienen als ein Mann. Die jährlich aktualisierten Statistiken sind schockierend: 2025 haben laut der Gewerkschaft ver.di Frauen branchenübergreifend 16 Prozent weniger Geld für ihre Arbeit bekommen als Männer. In der freien Kulturszene klafft eine noch größere Lohnlücke: Dort liegt der Gender Pay Gap bei 25 Prozent. Bedeutet: Frauen arbeiten im Vergleich zu Männern drei ganze Monate ohne Bezahlung. Dementsprechend ist der 1. April der „Equal Pay Day“ der Kulturszene: Ab diesem Tag bekommen beide Gruppen statistisch gesehen das gleiche. In anderen Branchen ist dieser Tag früher, am 27. Februar.
In einigen Sparten der Kulturbranche ist die Lohnlücke seit Jahren besonders groß: Freiberuflich arbeitende Librettistinnen bekamen für ihre Arbeit im Jahr 2025 ganze 56 Prozent weniger Honorar als Librettisten, Komponistinnen verdienten 45 Prozent weniger als ihre Kollegen, und freie Dirigentinnen ein Drittel weniger als freie Dirigenten. Sogar frei arbeitende Orchestermusikerinnen hatten am Ende des Jahres weniger Geld auf dem Konto als männliche Freelancer: Anders als ihre festangestellten Kolleginnen und Kollegen werden sie nämlich nicht nach Tarif bezahlt, sondern bekommen Honorare, die – je nach Auftrag und Ensemble – aushandelbar sind.
Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen (Gender Pay Gap) will der Equal Pay Day verdeutlichen: Er liegt jedes Jahr an dem Tag, bis zu dem Frauen statistisch gesehen umsonst arbeiten, während Männer ab dem 1. Januar bezahlt werden. 2024 war er besispielsweise am 6. März. Dieses Jahr am 27. Februar. Da die Lücke in der Kulturbranche größer ist, liegt der „Equal Pay Day“ hier am 1. April.
Nur warum schneidet die Kulturbranche so viel schlechter ab als andere Wirtschaftszweige? Die Gründe sind divers. In einem Metier wie zum Beispiel der Komposition bewirken tiefgreifende strukturelle Faktoren, dass deutlich weniger Komponistinnen als Komponisten auf lange Karrieren und entsprechendes Renommee zurückblicken können. Dieser Bereich ist nach wie vor eine absolute Männerdomäne: Auf 3.965 in der Künstlersozialkasse (KSK) versicherte Komponisten kommen nur knapp 590 Komponistinnen. Im Bereich Dirigat und Chorleitung verzeichnet die KSK noch einen leichten Männerüberhang – wobei allerdings nach wie vor deutlich mehr Männer die großen und renommierten Orchester leiten und Frauen häufiger als Kapellmeisterinnen oder Ensemble- und Chorleiterinnen beschäftigt sind. Ähnlich ist es bei freiberuflichen Orchestermusikerinnen, obwohl der Frauenanteil hier insgesamt höher ist: je größer das Prestige des Klangkörpers und je höher die Position, desto weniger Frauen.
Wie in anderen Branchen und Bereichen auch dürfte etwa bei Komposition und Dirigat zudem gelten: Wer als etablierter Maestro mit jahrelanger Karriere ans Pult tritt oder als alteingesessener Tonkünstler einen Auftrag bekommt, erhält in vielen Fällen eine deutlich höhere Gage als eine junge Newcomerin. Die konkrete Höhe von Honoraren geht aus der aktuellen Veröffentlichung allerdings nicht hervor.
Wenn eine Berufsgruppe einen sehr geringen Frauenanteil hat, ist der Gender Pay Gap nicht automatisch besonders hoch, hat ver.di festgestellt. Bei Sängerinnen und Orchestermusikerinnen zum Beispiel liegt die Lücke über dem Branchendurchschnitt, obwohl in diesen Bereichen mehr Frauen als Männer in der KSK versichert sind. Einzig bei den Musiklehrkräften ist die Lohnlücke im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Hier verdienten Freelancerinnen zwar „nur“ 12 Prozent weniger; in absoluten Zahlen ist der Unterschied aber immer noch erschreckend groß: Durchschnittlich knapp 13.900 Euro verdienten Frauen im Jahr 2025, Männer dagegen fast 2.000 Euro mehr.
Die 25 Prozent Lohnlücke, von denen in der ver.di-Studie die Rede ist, beziehen sich auf den sogenannten unbereinigten Gender Pay Gap. Das heißt: Sie berücksichtigen Umstände wie Teilzeit und Care-Arbeit. Frauen arbeiten nämlich deutlich häufiger in Teilzeit als Männer, weil sie sich eher zu Hause um die Kinder oder pflegebedürftige Verwandte kümmern. Das führt dazu, dass sie schlechtere Aufstiegschancen im Beruf haben. Dazu kommt, dass frauendominierte Branchen und Berufe generell schlechter bezahlt werden als männerdominierte. Das liegt nicht an der Art der Tätigkeit, sondern daran, dass Frauen diese Tätigkeit ausführen. Berufsgruppen wie etwa Kellner, Friseur, Apotheker oder Grundschullehrer waren noch vor einigen Jahrzehnten männlich geprägt und hoch angesehen. Seitdem mehr und mehr Frauen diese Jobs ergreifen, haben die Branchen an Status verloren. Und der führte langfristig zu sinkender Bezahlung.
Wenn man also zum Beispiel nur studierte Instrumentalistinnen und Instrumentalisten miteinander vergleicht, die seit rund zehn Jahren freischaffend in großen Orchestern aushelfen, dann wird dadurch die tatsächliche Lohnlücke zwischen Musikerinnen und Musikern im Gesamtbild nicht kleiner. Die strukturellen Ursachen sind aber für die Problemanalyse und die Lösung laut der Bundeszentrale für politische Bildung wichtig. Soziologische Forschung hat gezeigt, dass Frauen sich eben oft nicht aus freien Stücken dazu entscheiden, die unbezahlte Care-Arbeit zu übernehmen, sondern dass sie das häufig tun, weil es gesellschaftlich von ihnen erwartet wird. Arbeitgeber fördern diese Entscheidungen dementsprechend und machen es zum Beispiel Männern schwer, die in Teilzeit gehen wollen. Politische Regelungen wie das Ehegattensplitting belohnen zudem eine Aufteilung, in der eine Person deutlich mehr verdient als die andere.
Frauen verbringen laut ver.di aus diesen Gründen 29 Stunden pro Woche mit unbezahlter Care-Arbeit. Bei Männern sind es neun Stunden weniger. Frauen arbeiten also unterm Strich mehr und länger als Männer – nur eben unbezahlt. „Es ist anzunehmen, dass auch unter freien Kreativen die Hauptlast der Sorgearbeit bei Frauen liegt“, schreibt die Gewerkschaft dazu. Das ist nicht nur akut ein Problem, sondern bedeutet für Frauen auch eine unsichere Zukunft: Der Gender Pay Gap ist eine zentrale Ursache für Altersarmut von Frauen.
Das Problem ist so komplex, dass es sich nicht mit ein paar Handgriffen innerhalb weniger Jahre lösen lässt. Einerseits braucht es für Künstlerinnen, die freiberuflich arbeiten und für bestimmte Aufträge Honorare angeboten bekommen, klare Empfehlungen, an denen sie sich orientieren können. Die könnten zum Beispiel Berufsverbände liefern. Das bringt allerdings nichts, wenn sich die Auftraggeber bedeckt halten. Hier ist Transparenz gefragt: Honorare und Gehaltsstrukturen sollten branchenübergreifend offen liegen. Gleichzeitig haben auch Medien eine Verantwortung. Es geht um Sichtbarkeit: Wenn in Medien Werke von Frauen weniger besprochen werden und ihnen damit seltener Reichweite geben als Werken von Männern – und das ist vielfach der Fall – dann wird auch die Branche, werden auch potenzielle Auftraggeber seltener auf diese Künstlerinnen aufmerksam. Heißt: Sie werden seltener eingeladen, weniger oft beauftragt und dementsprechend seltener für ihre Arbeit entlohnt – ihre Werke werden in der Folge weniger inszeniert, was wiederum die Wahrscheinlichkeit senkt, dass sie besprochen werden. Ein Teufelskreis.
Dass Care- und Sorgearbeit meist unbezahlte Arbeit ist, und dass frauendominierte Berufe weniger angesehen sind – diese Probleme lösen sich nicht in Luft auf. Die Grundlage für eine echte Veränderung kann dementsprechend nur ein gesamtgesellschaftlicher Wandel sein. Und der muss schon in Kindergärten und Schulen beginnen. Der Gender Pay Gap erfasst nämlich viel mehr als nur ungerecht verteiltes Geld. Er gibt Aufschluss über kapitalistische und patriarchale Strukturen, die Frauen systematisch benachteiligen.
Denn Rollenbilder und damit verbundene Überzeugungen ermöglichen überhaupt erst, dass unbezahlte Care- und Sorgearbeit von Frauen ganz selbstverständlich erwartet, institutionell gefördert und politisch belohnt wird. Frauenstreiks in der Vergangenheit haben allerdings gezeigt, wie schnell ein entsprechend konstruiertes wirtschaftliches System zusammenbrechen kann, wenn Frauen diese unbezahlte Arbeit auch nur einen einzigen Tag lang niederlegen. Auch in diesem Jahr rufen mehrere Organisationen und Plattformen wie das „töchterkollektiv“, „Stillgelegt“ und „Enough!“ zu einem Generalstreik am 9. März auf. In der Kulturszene engagieren sich Initiativen wie „fair share!“, Plattformen wie Music Women Germany und Women in Arts and Media für größere Sichtbarkeit für Künstlerinnen und ihre Arbeit. Unter anderem fordern sie eine Quote, die Aufwertung der Arbeit von historischen Frauen und Gleichstellung in allen Bereichen der Kunst und Musik.
