Donald Trump sitzt als aufgeblasenes Riesenbaby auf einem Toilettenthron im Oval Office und plärrt die Worte „Furz und Schoiße“. Um ihn herum tänzeln zwei stiefelleckende Comicfiguren namens Mickey und Tuckey, und vor dem Fenster zucken und sabbernde Zombies – es ist ihre Wählerschaft.
Dazu stolpern aus dem Orchestergraben hinkende Märsche, halbe Ragtimes und schiefe Volksmelodien auf verstimmten Instrumenten. Es wäre witzig und eine herrliche, beißende Satire, dieses zweite Bild aus Olga Neuwirths und Elfriede Jelineks neuer Oper „Monster’s Paradise“, wenn sich die Realität nicht manchmal genauso grotesk anfühlen würde wie sie hier auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper gezeigt wird. Und so bleibt mir bei der Uraufführung am vergangenen Sonntag ziemlich oft das Lachen im Halse stecken.
Diese Produktion macht nachdenklich, und zwar, weil sie so übertrieben plakativ ist, vor allem in der Regie. Ich frage mich: Sind wir etwa schon an dem Punkt angekommen, an dem Oper keine beißende Kritik, keine motivierende Utopie mehr auf die Bühne bringt – sondern den realen politischen Wahnsinn nur noch überzeichnet? Sich inhaltlich ziemlich harmlos über die Mächtigen lustig macht?
Haben wir uns, hat die Kunst sich etwa schon damit abgefunden, dass die Welt den Bach heruntergeht? In Jelineks Libretto steht es schließlich genauso: „Wir sind im Arsch.“
Dabei ist dieser ausgestellte Irrwitz kein neues Phänomen: Kunstgeschichtlich betrachtet hat ästhetisierter Wahnsinn immer schon gesellschaftliche Endzeitstimmungen begleitet, zum Beispiel im Expressionismus.
Groteske und Apokalyptik haben dieselben Wurzeln – und jetzt gerade bekommt diese Erkenntnis ein neues Gewicht: Denn das, was Donald Trump in den USA in der Realität veranstaltet, bedient sich der gleichen Mittel wie diese wahnwitzige Oper.
Seine Strategie des „Flood the zone with shit“ ist politikgewordenes Horrortheater. Sie setzt anerkannte Normen außer Kraft oder kehrt sie um. Das wiederum erzeugt Chaos und ein Gefühl von Ohnmacht darüber, dass die humanistischen Werte, auf die wir uns ja eigentlich mal geeinigt hatten, allmählich schwinden. Was bleibt, ist tiefe moralische Leere und eine Gesellschaft aus Menschen, die sich in Karikaturen verwandelt haben, in Zombies und Dämonen.
Bei Jelinek und Neuwirth passiert dann das einzig Logische: Das Monster, das die Menschen durch ihr Handeln erschaffen haben, frisst den Diktator auf, verbrennt die Welt erst und flutet sie anschließend. Am Ende bleibt nur ein auf einem Stück Holz davontreibender, selbstspielender Flügel, der sich in seinem Klimpern durch nichts beirren lässt.
Die Moral der Geschicht‘: Was auch passiert, wir lassen es uns nicht nehmen euch wenigstens auszulachen. „Monster’s Paradise“ ist die Schminke im Spiegeltisch, mit der wir uns zur Weltuntergangsmatinee ein Grinsen aufs Gesicht malen.
Deshalb eignet sich diese Oper auch als Seismograf: Wem Text und Musik, vor allem aber die Regie zu plakativ ist, der hat sich mit der Apokalypse offensichtlich noch nicht abgefunden – und das wäre ein gutes Zeichen. Es ist nicht an der Zeit wahnsinnig zu werden. Zumindest noch nicht.
