… lesen auf ZEIT.de
Die Gleichzeitigkeiten dieser Welt können sich unwirklich anfühlen. Auf dem Tisch in Yalda Zamanis Garderobe in der Pariser Philharmonie liegen aufgeschlagene Partituren im Glühbirnenlicht. Kurz vor Probenbeginn sollte hier eigentlich konzentrierte Stille herrschen. An diesem Wintertag aber scheppern allerlei Geräusche aus den kleinen Lautsprechern des Telefons, das die Dirigentin in ihrer Hand hält: Schreie, Sirenen, Autohupen, Sprechchöre. Sie kommen unter anderem aus Teheran, der Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Dort gehen die Menschen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die Autokratie zu demonstrieren, unter der nicht nur die Wirtschaft ächzt, sondern vor allem die Menschenrechte leiden. Zamani schaut aus sicherer europäischer Ferne dabei zu. Erfährt, wie das Regime am Ende Zigtausende für diesen Protest ermordet. Und muss doch weitermachen.
Am 8. Januar, als das iranische Regime schließlich eine Internetsperre verhängt, steigt Yalda Zamani in Paris auf das Dirigentenpodest. Mit konzentrierten Gesten formt sie die feinen Konturen und erdigen Schallfluten von Clara Olivares Stück Au banquet des visages zu einer massiven Klangskulptur: Ohne Taktstock arbeitet sie hier, nur mit der Sprache ihrer Hände, die sie öffnet und schließt wie Lippen, durch die der Atem strömt – die rechte pulsiert mit stoischer Ruhe, die linke greift und formt den Klang, pflückt einzelne Töne zart aus der Luft oder packt sie grob am Schopf, streichelt, wiegt, knetet sie, schnipst oder schleudert sie zurück ins Kontinuum. Die gar nicht so hoch gewachsene Yalda Zamani wirkt an diesem Abend erstaunlich groß: Sie nimmt Raum ein, bewegt sich viel und agil, geht mal tief in die Knie, dreht sich oder stellt sich auf Zehenspitzen. Ab und zu breitet sie mit einer so entschlossenen Geste beide Arme aus, dass es kurz so wirkt, als könnte sie damit wirklich alle Musikerinnen umarmen.
Yalda Zamani steht seit Jahren auf immer größer werdenden Bühnen, aktuell tritt sie bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik auf, wo sie Chaya Czernowins Komposition NO! dirigiert, ein dezidiert politisches Stück. Die Unterdrückung, gegen die die Menschen in den Videos demonstrieren, kennt die Künstlerin aus ihrer eigenen Biografie. Ihre Geschichte begleitet sie überallhin, bis in die Garderobe, ja bis aufs Podium. Und natürlich bis nach Hause, in ihre Wahlheimat Berlin. Im Gespräch vor zwei Jahren, unter den knallgrünen Bäumen in einem Innenhofcafé, erzählt sie davon, wie sie sich als Mädchen und Jugendliche durch die Straßen der iranischen Hauptstadt bewegte, Klavier-, Gesangs- und Kompositionsunterricht nahm, Konzerte und Ausstellungen besuchte, mit ihren Musikerfreunden – »den rebellischen Geistern Teherans« – über Kunst debattierte. Wie sie sich als Neunjährige dem Kopftuchzwang widersetzte. Aber das, sagt sie heute, zwei Jahre später, spiele angesichts der aktuellen Entwicklungen alles keine Rolle mehr: »Dieses unterdrückerische Regime muss fallen.«
Schnell ist schon damals klar, dass sie als Musikerin nicht lange im Iranwird bleiben können: »Wie viele Iranerinnen, die dort leben, habe ich zwei gegensätzliche Realitäten erlebt«, sagt sie. »Zum einen ein Zuhause, wo ich von liberalen Eltern erzogen wurde, die an meine persönliche Freiheit geglaubt und mich als Künstlerin unterstützt haben.« In ihrer Familie wird Französisch und Farsi gesprochen, ihre Eltern schätzen moderne Literatur, Avantgarde-Malerei, klassische Musik und filmischen Surrealismus. »Und dann war da draußen diese ganz andere Realität, wo ich in einer von einem diktatorischen Regime stark unterdrückten Gesellschaft studiert habe. Viele Künstlerinnen und Künstler, Journalisten, Intellektuelle hatten schon damals nicht die Freiheit, sich selbst auszudrücken oder ihre Situation zu kritisieren. Sie gingen dafür ins Gefängnis.«
Fast folgerichtig kristallisiert sich in ihrer dirigentischen Laufbahn als künstlerisches Spielfeld schnell die zeitgenössische Musik heraus. Einerseits arbeitet Zamani lieber kollaborativ mit Komponistinnen zusammen, sagt sie, anstatt diejenige zu sein, die ganz allein entscheidet, wo es langgehen soll; andererseits fasziniert sie die Aktualität und Beschaffenheit dieser Musik, »als natürliche Weiterentwicklung vergangener Traditionen«. Zamani liebt harmonisch komplexe Landschaften, und sie liebt den Rhythmus. Als Kind und Jugendliche blättert sie in den Büchern und Bildbänden ihres Vaters, der Architekt war, vertieft sich in die Abbildungen minimalistischer Bauten und kantiger Strukturen, erkennt im Spiel von Licht und Schatten Metren und im strengen Realismus der Innenräume musikalische Formen. »Das hat mich tief berührt«, sagt sie.
Nach ihrem Studium in Wien und Frankfurt, nach diversen Preisen und Stipendien, wird sie 2024 Assistentin von Pierre Bleuse beim Pariser Ensemble intercontemporain. Da war sie Ende dreißig. Mittlerweile kehrt sie dorthin als Gastdirigentin zurück, wird aber auch nach Thessaloniki eingeladen oder ans National Opera House von Athen. In Hamburg wartet derweil ihr eigenes Chamber Orchestra Elbe, das sie im Dezember 2023 gegründet hat – ein Raum, wie sie sagt, in dem Vertrautes und Avantgarde nebeneinander bestehen sollen. Wie damals in ihrem Elternhaus.
»Ich habe mich immer für mutig gehalten«, erzählt sie im April 2026. »Aber als ich meine Landsleute gesehen habe und ihre Proteste, bin ich demütig geworden. Sie riskieren alles, um die Freiheit zu erlangen, die ich hier genieße, um meine Träume zu verwirklichen.« Was sie bisher erreicht habe, sagt sie, was sie für sich als Erfolg verbucht habe, »erschien mir auf einmal klein und still.« Längst sei sie nicht mehr nur Musikerin, sondern Zeitzeugin, ja in gewisser Weise selbst »Teilnehmerin des Kampfes« für einen freien Iran. Sie, für die Kunst und Musik immer untrennbarer Teil der politischen Kämpfe für Freiheit und Komplexität waren, muss sich dafür nicht verbiegen. Jeder forsche Ton, zu dem sie eine Musikerin ermutigt, jede vorwärtsdrängende Phrase, die im Zusammenspiel zu fliegen beginnt, jedes kantige Stilexperiment erinnert sie daran, wie wertvoll die Freiheit des Ausdrucks ist.
Mit Beginn der Massenproteste im Dezember tritt Yalda Zamani immer klarer mit ihren Positionen auch in die Öffentlichkeit. Auf ihren Social-Media-Kanälen formuliert sie die Hoffnung, dass die iranische Zivilbevölkerung die Islamische Republik stürzen könnte, äußert sich als Unterstützerin der sogenannten »Lion and Sun«-Revolution und des Schah-Sohns und Oppositionspolitikers Reza Pahlavi. »Ich habe große Träume für das Land«, sagte Zamani Mitte April. Nach den Protesten rund um Pahlavis Berlin-Besuch in dieser Woche teilte sie Ausschnitte aus seiner Pressekonferenz und Videos von den Demonstrationen seiner Anhänger vor dem Reichstag.
Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik wird sie die Uraufführung von Chaya Czernowins Stück NO! für Ensemble und Zuspielung dirigieren. Musik als politischer Aufschrei: »Als die Trump-Administration 2017/18 Babys und Kinder gewaltsam von ihren Müttern trennte, wuchs in mir ein ständiger, tiefer Schmerz«, schreibt die Komponistin zu ihrer Partitur. »Ich bin Mutter. Ich bin Mensch. Ich musste in meiner Arbeit NEIN! sagen.«
Nein sagen (oder manchmal auch Ja), zu den eigenen Überzeugungen stehen, Haltung zeigen, die Stimme erheben – für Yalda Zamani sind dies Kategorien, die im Leben genauso gelten wie in der Kunst. Die moderne Welt gleiche oft einer komplexen zeitgenössischen Partitur, sagt sie: »Beides muss gründlich studiert und verstanden werden, bevor es interpretiert werden kann.« Vereinfachung sei jedenfalls keine Lösung.
Vielleicht klingt politische Hoffnung ja so wie an diesem Wochenende in Witten: mal schroff, mal beflügelnd, oft verstörend und nicht immer gut auszuhalten. Der Umgang aber mit solchen Gleichzeitigkeiten, Komplexitäten und Widersprüchen lässt sich üben.
