Am Essener Aalto-Theater wird in dieser Saison die Oper „Die Fritjof Saga“ von der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée aufgeführt – eine Wikinger-Sage, die aber aus Sicht der weiblichen Hauptfigur Ingeborg erzählt wird. Elfrida Andrée und ihre Librettistin Selma Lagerlöf bürsten den nordischen Mythen-Stoff zur Zeit Wagners mit dieser ungewohnten Perspektive komplett gegen den Strich.
Sie werden lächerlich gemacht, begrapscht, verprügelt, verheiratet, bestraft, verkauft, vergewaltigt, in den Suizid getrieben, ermordet. Manchmal widerfährt ihnen dieses, manchmal jenes Schicksal, vielleicht auch alles gleichzeitig oder nacheinander. Die Rede ist von Frauenfiguren in ungefähr jeder einzelnen ernsten romantischen Oper des gängigen Repertoires. Ja, sie sind präsent, aber ihr Schicksal ist immer tragisch.
In Norma, Carmen, La Traviata, Tosca, Madama Butterfly, Lucia di Lammermoor, Aida und so weiter sterben die Protagonistinnen – sie stoßen einen letzten spitzen Schrei aus oder ein Stöhnen, und dann sinkt über ihrem leblos ausgestreckten Körper der Vorhang zu Boden. Das Publikum klatscht. Aber auch vorher, in Szenen, in denen sie noch am Leben sind, haben, Madama Butterfly,Aida oder Lucia nicht viel zu melden, werden unterbrochen, ausgelacht, kleingehalten. Selbst die moderne Regie inszeniert diese Figuren überaus gern typischerweise im blutbeschmierten Hochzeitskleid oder extrem leicht bekleidet bis halbnackt.
Der weibliche Körper steht dann für Liebe und Tod, für Erotik, Gewalt und männliche Kontrollfantasien – nur nicht für eines: nämlich einen eigenständigen, selbstbestimmten und freien Charakter. Gibt es davon mal leichte Anflüge – wie etwa in Carmen oder La Traviata –, dann wird diese Frau, die es wagt, sich den patriarchalen Erwartungen zu widersetzen, bestraft – was fällt ihr auch ein!
Wäre das alles einfach nur kranke Fantasie, wäre es vielleicht nicht so schlimm. Das Problem ist aber, dass genau diese Glaubenssätze über Frauen, dass genau diese Form von Gewalt in der Welt schon zu Puccinis, Verdis und Wagners Zeiten real existiert hat – und es auch heute nach wie vor tut. Diese fetischisierte und von Geschlechterklischees geprägte gewaltvolle Darstellung von Frauenfiguren auf der Bühne reproduziert die reale Gewalt gegen Frauen in der Welt nicht nur – sie ästhetisiert, romantisiert und normalisiert sie.
So gesehen, können wir also gar nicht früh genug damit aufhören, diese Narrative immer weiter zu bedienen. Es braucht dringend Gegenerzählungen – wie etwa „Die Fritjof-Saga“ von Elfrida Andrée und der Librettistin Selma Lagerlöf, die in dieser Spielzeit in Essen aufgeführt wird. Oder Olga Neuwirths und Elfride Jelineks neue Oper „Monster’s Paradise“, in der zwei Vampirinnen losziehen, um die Welt zu retten. Der Opernbühne täten nicht nur viel mehr wieder ausgegrabene historische Werke mit alternativen Rollenkonzepten gut, sondern auch moderne Opern, die statt des gängigen misogynen Narrativs andere Perspektiven wählen. Es wird Zeit, dass Regie, Dramaturgie und Intendanz weibliche und feminine Haupt- und Nebenfiguren auf der Opernbühne normalisieren, die eben nicht klein gehalten, belästigt, verprügelt, erdrosselt oder anderweitig bestraft werden – sondern die eigenständige Entscheidungen treffen, die die Welt entdecken, triumphieren und zweifeln, scheitern und wieder aufstehen. Ich meine damit nicht das Klischee einer „starken“ Frauenfigur, sondern im Gegenteil: Rollen, die in ihrer ganzen Komplexität auftreten, jenseits von diskriminierenden Stereotypen. Denn selbst im postmodernen Jahr 2026 sind wir da leider noch nicht genug angekommen.
