Musik be-wert-en

Zum 65. Mal hat in München der ARD-Musikwettbewerb stattgefunden. Fast 200 Bewerber traten dort in vier „Disziplinen“ 19 Tage lang gegeneinander an und wurden von einer Jury bewertet. Es winken ein Preisgeld, Tourneen und Kontakte zu Konzertveranstaltern. Zwei Tage hat niusic-Autorin Hannah Schmidt sich in München umgesehen, die Streichquartett- und Hornvorspiele besucht. Eine Reportage aus dem Inneren von Deutschlands wichtigstem Musikwettbewerb.

Mein Arm tut weh. Seit heute Morgen ziehe ich meinen kleinen Koffer über Bahnsteige, Zugteppiche, Asphalt und Kopfsteinpflaster. Jetzt ist es 16 Uhr, ich hatte noch keine Gelegenheit, meine Sachen in München zu meiner Unterkunft zu bringen. Beim ARD-Musikwettbewerb wird man direkt aufgefangen, eingebunden und mitgenommen. Ein erster kurzer Stop im BR-Hochhaus zur Begrüßung in der Wettbewerbszentrale, dann geht es direkt zum Streichquartettvorspiel in die Musikhochschule, wo ich mein Hab und Gut hinter einem Empfangstresen verstauen kann.

Es ist voll. Richtig voll. „Streichquartett ist immer beliebt“, sagt Ruth Wischmann, Pressesprecherin des Wettbewerbs. Sie schaut nach oben. Wir stehen am unteren Ende der großen Treppe, die in die erste Etage führt. Am Geländer über uns: Menschen. Hintereinander, nebeneinander stehen sie wie aufgereiht und warten auf den Einlass in den Vortragssaal. Viele von ihnen sind alt. Sie kennen den Wettbewerb schon „ach, viele Jahre“, sagt die Frau, die später neben mir sitzen wird. Wie einige andere im Publikum spielt sie selbst ein bisschen Jury: Sie hat das blaue Programmheft, in dem die Ensembles mitsamt Repertoire aufgeführt sind, und einen Kugelschreiber. Sie macht Kreuze vor die Musiker, die sie gut findet, streicht Namen durch, schreibt sich Bemerkungen an den Rand. „Ich höre mir jedes Jahr die ersten und zweiten Runden an“, sagt sie. „Aber ich lasse die Instrumente aus, die mir nicht liegen.“ Einige Besucher kenne sie „vom Sehen“. Es scheint eine kleine, feste Community zu geben unter den 18.000 bis 20.000 Besuchern, die jedes Jahr zum Wettbewerb kommen, „DEM Ereignis vor Beginn der Saison“, wie Ruth Wischmann sagt. Die Frau neben mir freut sich. „Bisher hatte ich bei den Gewinnern immer einen ganz guten Riecher“, meint sie.

Dabei macht die Jury beim Wettbewerb „einen echt harten Job“, sagt Ruth Wischmann, als gerade schwarz gekleidete Männer und Frauen mit wichtigen Mappen unterm Arm hinter uns die Treppe zu ihren Plätzen im Rang hochsteigen. Um 11 Uhr beginnen die Vorspiele, und manche dauern bis 20 Uhr abends. Dazwischen gibt es kleinere Pausen, doch selbst dann steht Arbeit an. Denn dann können die Wettbewerbsteilnehmer, die in der vorherigen Runde nicht weitergekommen sind, in Einzelgesprächen mit den Juroren noch einmal ein gesondertes Feedback bekommen. Und sie nutzen es, das sehe ich am nächsten Tag in der Philharmonie: Überall im Flur stehen Juroren mit einzelnen Teilnehmern zusammen und sprechen in gedämpfter Lautstärke. Aus den Vorbereitungsräumen schallen bereits Teile der nächsten Konzertprogramme. Richtig „Pause“ ist das nicht. Jeweils über eine Stunde Musik pro Streichquartett, etwa eine halbe Stunde Musik pro Hornist, und dazwischen wird über Musik geredet. Das ist die volle Dröhnung.

Wo setzt man den Maßstab an?

Manche Besucher schleichen sich nach dem Vortrag des ersten Streichquartetts heimlich aus dem Saal, andere während das zweite Quartett gerade György Kurtágs „Officium breve“ op. 28 spielt. Felix Mendelssohns 6. Streichquartett in f-Moll oder Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70 zwei bis neun Mal an einem Nachmittag zu hören, ist zwar hochinteressant, aber es ist auch ein bisschen anstrengend, zumindest für durchschnittliche Besucher wie mich. Je mehr Musik ich höre, desto mehr bereichern mich die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten, aber je unterschiedlicher alles für mich klingt, desto schwieriger fühlt es sich auch an, die jeweilige Qualität der Vorträge zu bewerten. „Bewerten“, wieso soll man Musik überhaupt be-wert-en, frage ich mich irgendwann. Hat nicht jede Musik, jede Interpretation an sich ihren ganz eigenen Wert und ihre Berechtigung in der Musikwelt? Wo setzt man bei dieser Vielfalt an Ideen und musikalischen Innovationen überhaupt den Maßstab an?

Nach den beiden Streichquartetten, die ich am ersten Nachmittag höre – während mein ungeöffneter Koffer irgendwo in der Musikhochschule herumsteht – habe ich angesichts dieser Fragen ein merkwürdiges Gefühl. Verschiedener habe ich Mendelssohns 6. Streichquartett in f-Moll noch nie gehört. Bei den einen klang es ein bisschen wie der Rihm (Streichquartett Nr. 4), der vorher auf dem Programm stand: Dynamik [g*dynamik] um der Dynamik Willen, Sforzando [g*sforzando] auf fast jedem Ton und bei jeder Phrase, so perfekt zusammen, dass ich staune. Kein Ton ist nur Mittel zu irgendetwas, sondern immer Selbstzweck, die Musik wird dadurch wie Klebstoff, ich klebe an ihr fest. Das ist anstrengend, das muss man mögen. Die anderen sind vernünftiger, geschliffener, angenehmer zu hören, vergleichbar etwa den „Mitarbeitern des Monats“ gegenüber den revolutionären Rebellen, die sich ziemlich weit aus ihren Fenstern lehnen. Die einen driften im Extremfall in den Kitsch ab, die anderen in die Langeweile. Aber beide überschreiten die Grenze nicht, sie halten die Balance. Mir gefallen die ersten besser, der Frau neben mir die zweiten. Wir sehen uns an und zucken die Schultern. Aber die Juroren oben, die machen ihre Kreuze bei „Ja“ und „Nein“.

Als am Abend der 76-jährige Vorsitzende der Jury, Günter Pichler, doch noch fünf Minuten Zeit für mich hat, fühlt sich das an wie ein großes Geschenk. Was ein gutes Streichquartett ausmache, frage ich ihn, den Gründer und Primarius des Alban-Berg-Quartetts, der selbst jahrelang mit verschiedenen Quartetten auf der Bühne stand und ja tatsächlich das gesamte Repertoire kennt. „Eigentlich sollte jeder Streichquartett spielen“, sagt er, „denn das Streichquartett ist eine menschliche Beziehung.“ Es gehe nicht mehr, dass ein Musiker, weil sein Können nicht für eine solistische Karriere reiche, „dann eben Kammermusik“ mache, nein: „Man muss ein sehr guter Instrumentalist sein heutzutage, man muss viel Stilempfinden haben und vor allem muss man zurücktreten können.“ Streichquartett spiele man nicht wegen des Geldes oder des Ruhms, so Pichler, sondern für die Musik an sich: „Streichquartettmusiker, das sind Idealisten.“

Während der Arbeit eines Streichquartetts müsse eine „gemeinsame Persönlichkeit“ entstehen, eine „gemeinsame Aussage“, und das sei ein langwieriger Prozess. Doch wie soll man eine solche „Persönlichkeit“ eines Streichquartetts bewerten? „Das ist nicht schwer“, sagt Pichler, zu meiner Überraschung. „Die Technik muss natürlich perfekt sein, und das kann sie auch sein heutzutage, und wenn etwas technisch perfekt oder sehr, sehr gut ist, dann kommt auch mehr Persönlichkeit dazu.“ Und dann, sagt er, „wenn Sie so etwas erleben, würden Sie das sofort hören, auch wenn Sie kein Fachmann sind.“ Einen ersten oder zweiten Preisträger zu finden, sei nicht schwer. Aber die Differenzierung bei Quartetten, die eben nicht erstklassig seien, das sei eine Herausforderung. Die Preisträger des diesjährigen Wettbewerbes, wagt er zu versprechen, werden erstklassig sein.

Durchstarten oder nicht?

Ein Streichquartett-Beispiel, das mehrmals an diesem Abend als Ideal herangezogen wird, ist der Preisträger des Wettbewerbs im Jahr 2004, das Quatuor Ebène. „Die sind richtig durchgestartet“, sagt Elisabeth Kozik, organisatorische Leiterin des Wettbewerbs. „Das weiß man aber vorher nicht, ob jemand durchstartet oder ob man später nicht mehr viel von einem Preisträger hört.“ Zu einer solistischen Karriere als Musiker gehört also anscheinend mehr als das, was beim Wettbewerb von der Jury gewertet wird. „Es braucht eine gewisse Intelligenz im Umgang mit so einem ersten Preis“, sagt Kozik. „Dazu gehört eine gewisse Charakterreife und eine musikalische Reife.“ Die Gewinner müssen sich organisieren können, sie müssen sich behaupten auf dem Musikmarkt. Sie knüpfen Kontakte zu Veranstaltern, Agenten und Plattenfirmen und werden zu Konzerten und Festivals eingeladen. „Wir machen das natürlich für die Musiker“, sagt Oswald Beaujean, in seinem ersten Jahr als künstlerischer Leiter des Wettbewerbs. Der Markt sei umkämpft, viele gute Leute hätten es schwer. Das will der Wettbewerb ihnen erleichtern. Seit 16 Jahren gibt es außerdem eine Tour für einige Preisträger, die in ungewöhnlichen Besetzungen etwa zwei Wochen ein kammermusikalisches Programm erarbeiten und es in Süddeutschland präsentieren. Die ehemaligen Konkurrenten werden wieder Teamspieler. Internationalität ist wieder Inter-Nationalität.

In der Geldfalle

2006 wurde dem Wettbewerb das Budget gekürzt. 300.000 Euro weniger von der ARD. „Seitdem spart der Wettbewerb an vielen Ecken und Enden“, sagt Ruth Wischmann. „Früher haben wir für die Juroren einen großen Empfang gemacht, jetzt müssen wir auf unsere eigenen Säle zurückgreifen“ – und die sind nicht unbedingt schöner als ausgesuchte Restaurants und Bars: aschblauer Teppich, Funktionsmöbel, Stoffakustik, Glasfassade zur breiten Marsstraße. Einige Tage vor Ende des Wettbewerbs kommen alle Juroren einmal bei Essen und Wein zusammen und lassen sich Danksagen. Und das verdienen sie auch, „denn die machen das hier nicht wegen des Geldes“, sagt Wischmann. „Die bekommen echt nicht viel.“ Seit der Kürzung vor zehn Jahren muss „DAS kulturelle Aushängeschild der ARD“ mit dem selben Etat auskommen, 740.000 Euro. „Bis 2020 ist alles sicher“, sagt Beaujean, „bis dahin hat die ARD letztes Jahr die Finanzierung garantiert. Aber dann muss neu argumentiert und verhandelt werden.“ Der Wettbewerb sei „auf Kante genäht“, weniger Geld und es wird schwierig. Zu den 740.000 Euro von der ARD kommen zusätzlich Spenden des BR: Orchester, Personal, Studios, Technik und auch Geld. Kostenfaktoren sind die Saalmieten beispielsweise oder die Leih-Instrumente. Eine einzige Folge vom „Tatort“ kostet mal schlicht das doppelte – mir fällt kurz nichts mehr dazu ein.

Die Jury in Aktion

Am nächsten Tag ziehe ich meinen Koffer wieder über Kopfsteinpflaster, diesmal aber Richtung Philharmonie. In der zweiten Runde Horn möchte ich versuchen, die Arbeit der Jury, die für eine Aufwandsentschädigung neun bis zehn Tage lang herkommt und sich pausenlos Musik anhört, noch ein bisschen besser zu verstehen. „Wir versuchen immer, eine möglichst gemischte Jury zu kriegen“, hat Oswald Beaujean mir am Vorabend erklärt. „Im Optimalfall kommen die sieben Juroren aus sieben Ländern und sieben Schulen.“ Eine Jury, in der vier Deutsche sitzen, ginge „natürlich gar nicht“, nachher heißt es noch, man würde deutsche Teilnehmer bevorzugen. „Aber es ist auch ein wichtiger Faktor für die Internationalität des Wettbewerbs: internationale Juroren ziehen internationale Bewerber an.“

Wegen der letzten Budgetkürzung wurde die Zahl der Juroren pro Wettbewerb von jeweils neun auf sieben reduziert. Ich setze mich so dicht hinter die Juroren wie nur möglich, am liebsten wäre ich so nah dran, dass ich die geflüsterten Bemerkungen zwischendurch verstehen könnte. Als die Horn-Experten den Saal betreten, fällt mir auf, dass in ihren wichtigen Mappen die Partituren der gespielten Stücke sind. Manche lesen die ganze Zeit mit, „Schwarz auf Weiß“, wie später Juror Xiao-Ming Han sagt: „Wir haben die Noten vor der Nase, und wer perfekt spielt oder weniger Fehler macht, sehen wir daran sofort. Natürlich sind Fehler nicht alles, die Musikalität und Klangfarbe zählen mehr, aber wichtig ist auch, was die Komponisten wollen – und das steht in den Noten.“

Werktreue. Noch so ein Begriff. Auch die Vorsitzende der Jury, Marie-Luise Neunecker, die selbst 1983 beim ARD-Musikwettbewerb den 3. Preis gewann, spricht davon: von den „objektiven Basics“ wie „Rhythmussicherheit, Treffsicherheit, ob die Dynamik gespielt wird, die gefordert ist, Texttreue einfach“, von denen sich ein „guter Musiker nicht allzu weit entfernen“ sollte. Das Entscheidende aber, was am Ende einen ersten Preisträger von einem Musiker unterscheidet, der nicht ins Finale kommt, bleibt auch in ihrer Aussage vage: „Naja, man kann schon sagen: das, was das Publikum auch erreicht, wenn man einfach interessiert wird“, sagt sie. „Wenn die Kandidaten es schaffen, die Jury zu überzeugen durch das was sie tun. Das muss nicht in allen einzelnen Punkten den einzelnen Jurymitgliedern gefallen, aber sie müssen gepackt werden, wie das Publikum auch.“ Es gebe dabei „ganz klare Jas und ganz klare Neins, und ganz viel in der Mitte.“

Eine der wohl interessantesten Aussagen bezüglich der Jury-Arbeit trifft Xiao-Ming Han. Ob ihm die Urteile schwer fielen? „Nein. Diese Jury dieses Jahr ist ganz toll. Hier wird nicht diskutiert, hier werden direkt Punkte gegeben. Und wir haben jedes Mal alle fast das gleiche Ergebnis. Das ist wirklich selten. Es sind bisher immer die richtigen Leute weitergekommen.“ Woran das liegt? „Ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist die Erfahrung.“ Es reicht nicht – das stellte sich im Gespräch mit den einzelnen Juroren und Teilnehmern heraus –, einfach viel Musik zu hören, um dann über den Vortrag eines jungen Instrumentalisten ein Urteil fällen zu können. Die Erfahrung, die Xiao-Ming Han angesprochen hat, bezieht sich auch auf eigene Bühnenerfahrung und bedeutet vor allem die Kenntnis der Stücke, und zwar von innen und nicht nur durchs Hören im Konzert und auf CD. Man muss wissen, was ein Stück auch körperlich mit einem macht, wenn man es spielt auf einer Bühne, man muss es selbst mehrmals interpretiert haben. Die ganzen Grands Dames und Messieurs des Horns und Streichquartetts in der jeweiligen Jury haben das und tun es auch immer noch: „Es ist uns wichtig, dass in der Jury Leute sitzen, die selbst noch auf der Bühne stehen oder es zumindest jahrelang getan haben“, sagte Oswald Beaujean dazu.

 An diesem Vormittag höre auch ich fünf Mal Robert Schumanns Adagio und Allegro, drei Mal Esa-Pekka Salonens „Concert Etude“ und zweimal Jane Vignerys Sonate op. 7. Wäre ich länger geblieben, hätte ich Paul Hindemiths Sonate für Alt-Horn und Klavier Es-Dur nicht nur ein, sondern gleich vier Mal gehört. Beim letzten Mal wäre es aber schon 20 Uhr gewesen. Um 20 Uhr an diesem Tag befinde ich mich schon bei 250 km/h zwischen Frankfurt und Köln im ICE.

Der Teilnehmer, der nur noch zuhören darf

Draußen fliegen Fabrikhallen und leere Hügel vorbei, ich fühle mich eingequetscht in meinem Zweite-Klasse-Fensterplatz. Ich erinnere mich zurück an die fünf Hornisten, die nacheinander auf der Bühne standen und weitestgehend das gleiche Repertoire spielten. Und ich erinnere mich an den jungen Musiker, der währenddessen neben mir saß, weil er in der Runde zuvor nicht weitergekommen war. Beim Schumann spielte er die Griffe mit der Hand auf seinem Knie mit. Natürlich hat er das Stück auch vorbereitet, für den Fall, dass er in die zweite Runde kommt und es auf der Bühne vortragen darf. Jetzt hört er zu und macht die Griffe auf seinem Knie. Mit welch anderen Ohren er die Interpretation gehört haben muss als ich. Und mit welch anderen Ohren er sie hören würde, wenn er mit hinzukommender jahrzehntelanger Konzerterfahrung in diesem rotgepolsterten Sessel mit Namensschild sitzen würde, die Partitur vor der Nase. Und einem weißen Zettel mit „Ja“ und „Nein“.

 

 

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