Die digitale Notenrevolution

Wer spielt eigentlich noch vom Blatt? Apps wie Enote bringen die Musikverlage in Bedrängnis.

Ein Gespenst geht um in der Musikwelt – so zumindest fühlt es sich an, je länger man sich mit einem ihrer neuesten Phänomene auseinandersetzt: einer KI-basierten App, die bald jegliche Nutzung von auf Papier gedruckten Noten und ihren digitalen Scans ziemlich alt aussehen lassen könnte. Die Rede ist von Enote, einer App, die gerade in ihrer Betaversion gelauncht wurde.

Fairerweise muss man sagen, dass der Dirigent und Enote-Gründer Boian Videnoff keineswegs der Erste war, der die Idee hatte, Notenmaterial für Musikerinnen und Musiker digital zugänglich zu machen, um sie vom lebenslangen Schleppen schwerer Notenkoffer zu erlösen. Allerdings, so merkt er im Gespräch an, habe ihn immer gestört, dass bisherige Programme und Apps wie etwa Forscore noch zu sehr am gedruckten Vorbild orientiert seien. Eine Interaktion mit dem Material sei kaum oder gar nicht möglich, da es sich vornehmlich um gescannte und in einzelne Teile zerschnittene PDF-Dokumente handele.

Enote basiert daher auf einer kleinteiligen digitalen Rekonstruktion des Notenmaterials, die ein Algorithmus auf Grundlage gescannter Noten erstellt. Bei der Zeichenerkennung liegt das Programm mit einer Genauigkeit von 99 Prozent weit über dem, was bisher Standard war. Weil aber ein Prozent Fehlerquote unter Umständen zu furchtbaren Dissonanzen führen kann (etwa bei vielstimmigen Orchesterwerken), zeigt die Betaversion vorerst nur Solo- und Kammermusikwerke an. In seiner bis ins kleinste Detail durchdigitalisierten Wiedergabe kann der Notentext nun in seiner Optik verändert und mit anderen Schrift- und Zeichenarten ausgespielt werden. Die Transponierung eines kompletten Stücks in eine andere Tonart geht mit nur einem Klick. Einzelne Stimmen lassen sich extrahieren und bleiben dennoch an die Partitur gekoppelt, sodass man, je nach Wunsch, auch den entsprechenden Ausschnitt der Gesamtpartitur zu sehen bekommt.

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(c) Daniel Wetzel