„In meinem Tempo!“

Seit einer Spielzeit ist Oksana Lyniv Chefdirigentin am Grazer Opernhaus. Begegnung mit einer, die es wissen will.

Wenn Oksana Lyniv die linke Hand zum Auftakt hebt, sind alle da. Sofort. Als hätte sie einen Schalter umgelegt. Mit ihrem Blick, ja mit dem ganzen Körper, scheint es, fängt sie die Sinne ihrer Gegenüber ein und bündelt sie zu purer Energie. Ein Einsatz wie der, den sie bei der Probe zu Ruggero Leoncavallos Oper Pagliacci dem Grazer Opernchor gibt, ist maximal konzentriertes Jetzt: ein Vakuum, unendlich kurz und ewig lang. „In meinem Tempo!“ ist eine Ansage, die Lyniv den Chorsängern mehrfach entgegenruft. Dabei evoziert sie eine unglaubliche Kraft, auch wenn sie nur mit einem Bleistift dirigiert.

„Der Dirigent ist das Herz des musikalischen Geschehens“, sagt Lyniv zwei Stunden später im Gespräch und meint das ganz konkret: „Ich gebe einen Impuls ins Orchester, das damit weitere Impulse auslöst, die zu mir zurückkommen. Die wiederum verarbeite ich, verändere oder verstärke sie und schicke sie wieder zurück.“ Wie ein Herzmuskel, der das Blut durch die Adern der Musik pumpt. So simpel. So organisch.

Als Oksana Lyniv das erklärt – den Sinn ihres Berufes, mal eben so –, sitzt sie an ihrem Schreibtisch im Grazer Opernhaus aufrecht, im weißen Leinenkostüm. Die kurzen dunklen Haare hat sie mit einer Spange im Nacken zusammengeknipst, ein paar Strähnen suchen sich rechts und links dennoch eigene Wege. Fast sind sie das Einzige an ihr, was nicht gänzlich kontrolliert wirkt.

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Beitragsbild: © Ivan Borys