Aufregung fürs Ohr

publiziert am 12. Juli 2018 auf niusic.de

Philippe Manoury ist Kölns erster Composer in Residence, berufen von Generalmusikdirektor François-Xavier Roth. Gemeinsam zelebrieren sie es, das Potenzial klassischer Orchesterstrukturen in immer neuen Werken und Programmen auszureizen – wie vor wenigen Tagen in der Kölner Philharmonie.

Im Gespräch mit François-Xavier Roth und Philippe Manoury ist es die ganze Zeit, als läge zwischen den beiden etwas in der Luft. Sie schauen den anderen an, als blickten sie in einen Spiegel, und genauso reden sie auch: als täten sie es zwar gerne, müssten es aber eigentlich gar nicht. Zwischen den beiden ist mit der aktuellen gemeinsamen Produktion eine Ebene erreicht, die über das gegenseitige Erklären weit hinaus ist. Möglicherweise ist es eine besondere Form von humorigem Größenwahn, auf der diese Wahlverwandtschaft ruht: Der kollaborative Wunsch, die sinfonische Musik vollständig neu zu konzipieren.
Im GMD-Zimmer der Kölner Philharmonie sind am Montagabend die Rolläden vor den Fenstern zur Straße herabgelassen, die beiden Franzosen begrüßen sich – „Bonjour, mein Lieber“ – mit Umarmung und Wangenkuss, dann macht Roth einen langen Schritt zurück zur Tür und drückt sekundenlang auf den Lichtschaltern herum, „es ist so dunkel hier …“

In ihrer jahrelangen Zusammenarbeit ist Roth immer derjenige gewesen, der, wie er sagt, „Manourys Musik mit der Realität konfrontiert.“ Das Bild ist einfach zu schön: Manoury komponiert und konzipiert für die Kölner und ihren Raum experimentelles Credo um Credo, und Roth richtet in den Proben seine empirischen Scheinwerfer drauf, bringt auch den Komponisten zum ersten Mal mit dem Klang seiner Ideen in Kontakt. Der ist bei den Proben anwesend, für Roth, der schon Manoury-Werke dirigierte, bevor er ihren Urheber persönlich kannte, „ein echtes Geschenk“. Schließlich holte er ihn her, Manoury wurde der erste „Komponist für Köln“.

„Die Orte, von denen die Klänge kommen, sind genauso wichtig wie die Klänge selbst.“
Philippe Manoury

Seit der vergangenen Spielzeit nun streuen Manoury und Roth experimentelle Werke ins Gürzenich-Programm, die, wie der Dirigent vollmundig formuliert, die Sinfonik „neu definieren“ sollen: Zunächst den „Ring“, in dem Manoury die Musiker um das Publikum herum platzierte, um einen „weniger hierarchischen, weniger philharmonischen Klang“ zu konzipieren. Die Musik sollte, wie er selbst sagt, „jene Codes aufgeben, die auf die soziale Ordnung der Klassik und Romantik bezogen sind“. Oder auch seine Raumkomposition „In situ“, die 2013 in Donaueschingen uraufgeführt wurde: homogene Solistenensembles – Holzbläser, Blechbläser und Streicher –, die an unterschiedlichen Orten im Raum platziert sind. Dadurch werden, wie Manoury im Programmheft der Musiktage schreibt, „die Orte, von denen die Klänge kommen, genauso wichtig wie die Klänge selbst“.

Manourys jüngste Musik, die „Saccades“ für Flöte und Orchester, spielte das Gürzenich mit Solist Emmanuel Pahud vor wenigen Tagen, „eine der besten Uraufführungen, die ich je erlebt habe“, schwärmt Manoury, „so konzentriert und fokussiert wie die Musiker waren. Sie haben das Wesen der Musik erfasst, das passiert nicht oft.“ Das Orchester spielt in klassischer Aufstellung, Dauer: knapp 25 Minuten.

„Bei Pahud klingt die Flöte, als sei sie doppelt so groß.“
Philippe Manoury

Die Idee, Pahud ein Konzert zu schreiben, kam von Roth, „schon vor Jahren“, wie er sagt. Und Manoury schneiderte dem Virtuosen die Musik wie einen perfekten Anzug, hörte Pahuds Aufnahmen, studierte wochenlang seinen Klang und sein Spiel. „Er hat ein enormes Volumen“, sagt Manoury. „Bei ihm klingt die Flöte, als sei sie doppelt so groß.“ „Saccades“ arbeitet genau mit dieser Qualität Pahuds – und inszeniert einen beinahe schon szenischen Dialog zwischen den musikalischen Akteuren, der tatsächlich nur in dieser Konstellation so funktionieren konnte. Nicht nur, dass Manoury Roth, den studierten Flötisten, auf seinem Pult zur Piccolo greifen und ein paar Takte selbst spielen lässt. Er flicht der Musik vor allem eine reflexive Metaebene ein, die in Köln – durch das traditionsreiche Gürzenich-Orchester und sein eher konservatives Publikum – besondere Wirkung entfaltet. „Es geht um die Beziehung zwischen Solist und Orchester“, sagt Manoury. „Wie verhalten sich ihre Rollen zueinander, wie ist es üblicherweise, wie könnte es anders sein?“ Und vor allem: Was wäre, wenn Ensemble und Solist das untereinander ausmachten?

In „Saccades“ entstehen dabei zum Teil slapstickartige musikalische Situationen: wenn die Flöte mit zänkischer Geste Motivfetzen in einen misstrauischen Orchesterklang pustet, und das Kollektiv mit vielfach empörter Wiederholung und Umdeutung des „Gesagten“ antwortet, in einem wütenden Chaos, das sich nur langsam wieder beruhigt.
„Philippe stellt in seinen Kompositionen die Frage, wie Musik gemacht werden und unter welchen Bedingungen sie stattfinden soll“, sagt Roth. „Dazu kommt, dass er das Orchester in seiner bestehenden Form vollständig überdenkt, um neue Klänge zu erzeugen.“

„Meine Musik soll das Ohr aufregen.“
Philippe Manoury

Da ist bei ihm ein Nerv getroffen: „Wir haben es so nötig, die Perspektiven der klassischen Musik neu zu definieren!“ Der „Ring“, der im Mai 2016 aufgeführt wurde, sei schon „so etwas wie eine Revolution“ gewesen, mit der Einbindung des Raumes und seinen ungewöhnlichen Klang-Kombinationen. Davon wollen Roth und Manoury mehr. „Meine Musik soll das Ohr auf eine gewisse Weise aufregen“, sagt der Komponist dazu, „wie elektronische Musik ja auch: Wenn man sich nicht mehr sicher ist, welcher Klang aus welcher Richtung kommt und wo er seine Quelle hat, hört man ganz anders hin.“

Sie wollen die Besucher herausfordern, vielleicht auch etwas überfordern, „die maximale Konfusion“ sei das Ziel, sagt Manoury und grinst. Damit aber trotzdem ein möglichst heterogenes Publikum kommt – Roth will natürlich seine Abonnenten nicht abschrecken mit „Neuer Musik“ –, standen an den drei aufeinanderfolgenden Manoury-Tagen Mitte Juli auch Mendelssohn und Beethoven mit auf dem Programm. Wieso nun genau die Fünfte des Letzteren, kann Roth ad hoc nicht so ganz befriedigend beantworten – man brauche etwas Bekanntes, viele Besucher kämen sicherlich nur wegen der besagten Sinfonie, und so weiter.

„Beethoven Fünf, davor Mendelssohn, auch ganz hübsch, und dazwischen so etwas ganz, ganz Modernes.“
Eine Besucherin

Nach einigem Überlegen fällt ihm doch etwas ein: „Die Fünfte ist seine französischste“, sagt Roth. „Er schrieb sie unter den Eindrücken der Revolution. Zudem ist sie kleiner besetzt, kompakter, was zu den größer orchestrierten ‚Saccades‘ einen schönen Kontrast bildet.“ Und Mendelssohn sei „eine Brücke zwischen beiden“. Nun – der Plan ist aufgegangen: Vor der Philharmonie erklärt eine Besucherin ihrer Begleitung, was denn „heute Abend“ auf dem Programm stünde – „Beethoven Fünf, davor Mendelssohn, auch ganz hübsch, und dazwischen so etwas ganz, ganz Modernes.“ Kurze Pause. „Na, das werden wir schon überstehen.“ Vielleicht hatten es die beiden Franzosen aber auch einfach im Gefühl, dass die Kombination – Mendelssohn, Manoury, Beethoven – gut funktionieren könnte. Es könnte sogar sein, dass sie dafür noch nicht einmal sprechen mussten.