Andriessen wird abgenickt, Gordon diskutiert

Mit etwas „Anregendem“, einem Stück, „das die Leute aufweckt“, sollte ein Konzert anfangen, sagt Dirigent Ingo Metzmacher am Montag nach seinem Konzert „Portrait Andriessen I“. Leider stand die Programmfolge fest, bevor er und sein Ensemble Modern Midi und Partitur der Komposition No Anthem von Michael Gordon bekamen. Eine Uraufführung, die den beiden Andriessen-Werken De Snelheid und De Staat vorangestellt worden war – und worauf sich das Publikum eingestellt hatte. Die kurzfristige Änderung der Reihenfolge war ihm aber „wichtig“, betont Metzmacher, leert sein Kölsch. So begann das Konzert mit dem pulsierenden, schwitzenden Rennen von De Snelheid, „Die Geschwindigkeit“, einem Auftragswerk Andriessens, unter schlichtem, spartanischem Dirigat Metzmachers. Seinen deutlichen und kleinen Schlag beschränkte der Hannoveraner auf die Pulsgebung – unabdingbar für ein Orchester, das sich dieses Stückes annimmt.

Andriessen schrieb das Werk 1983 nach streng mathematischer Vorlage, symmetrisch gedacht in der Orchester-Aufstellung, die er explizit in der Partitur erklärt, und eine nach den Fibonacci-Zahlen proportionierte organische, stete Beschleunigung der Musik. Sehr deutlich und dominant waren am Montag die allgegenwärtigen, zyklischen Schläge der Kuhglocken, die in manchen anderen Interpretationen dezenter im Hintergrund gehalten sind, hier aber tonangebend waren. Eigentlich akzentlos gedacht gliedern sie die gesamte Partitur in zehntaktige Abschnitte: Sie sind es, die die teils komponiert trägen und stolpernden kurzen Bläser- und Streicher-Einwürfe im Werk verorten. Das Empfinden von „Geschwindigkeit“ stellt sich dadurch ein, dass der Zuhörer permanent das Gefühl hat, das Orchester würde aus dem Konzept geraten, atemlos immer ein bisschen zu spät einsetzen, vor wachsender Angst vor falschen Einsätzen auch noch um saubere Intonation kämpfen müssen. Man fiebert mit den armen Musikern auf der Bühne oder im Studio – was bei dem souveränen Ensemble Modern jedoch nur bedingt passierte. Entgegen der Angabe in der Partitur ließ Metzmacher seine hervorragenden Schlagwerker das rennende Uhrenticken nämlich artikulieren und nahm ihm so seine entwaffnende Sterilität. Es waren hingegen die letzten schwer atmenden, scharfen Akkorde, die crescendierend und decrescendierend wie Walzen über das Publikum hinweg donnerten und dem Zuhören endlich jede Intellektualität nahmen.

Ein großes Fragezeichen

War die Frage nach der Haltung des Zuhörens bei Andriessen mit Erklingen des ersten fesselnden Schlags klar, ließ die Uraufführung von No Anthem, einem der elf Auftragswerke für „urbo kune“, bei vielen Besuchern ein großes Fragezeichen zurück. Auch Metzmacher habe zunächst nicht gewusst, „was Gordon eigentlich will“, wie er im Interview anmerkt, doch hatte der Dirigent genug Zeit, sich mit der stillstehenden, pulsierenden Sphäre dieses Auftragsstücks auseinanderzusetzen. Tonrepititionen in unterschiedlichen Tempi, textloser Gesang und wabernde Klangcluster, die durch elektronische Hall-Effekte auf Keyboards und Gitarre noch künstlich aufgebläht und verbreitert wurden, wirkten zunächst meditativ und schwebend, später statisch. Wie mag das Land aussehen, das Gordon beim Schreiben dieses Werks ­– im wahrsten Wortsinn – vorschwebte? Eine Hymne ohne musikalische Konturen, der durch Verstärkung entrückt wirkende Engelsgesang und verfremdet klingende Instrumente wirken wie ein eher pessimistischer Kommentar: wie ein in Zeitlupe brandendes Meer hatte diese eher Dystopie als Utopie etwas Unheimliches, Traumartiges. Der an Wah-Wah-Gitarreneffekte erinnernde Klang wurde irgendwann allgegenwärtig, ohne Dauer, zeitlos. Es war ein vom Komponisten geplanter taumelnder Rausch auf Knopfdruck, der den offenen Zuhörer so schrecklich beduselte, dass noch in der Pause Ohrwürmer dieses sich ausdehnenden, lauwarmen Klang-Teigs zurück blieben.

An Andriessens De Staat habe er sich orientiert, wird Gordon im Programmheft zitiert: er habe die Komposition „so konzipiert, dass sie in kreisenden Strömen fließt“. Tatsächlich erinnerte einiges an den ersten Frauenstimmen-Einsatz aus Andriessens wohl bekanntestem Werk, der unter anderem Platons Worte „fügt man passende Melodien und Rhythmen hinzu, so werden sich die Melodien vernünftigerweise in einer einzigen Tonart halten“ zitiert. Wie Andriessen „von diesem Text auf diese Musik gekommen“ sei, sei Metzmacher ein Rätsel, gesteht dieser.

Ohne tonales Zentrum

Fast hat er jedoch eine ironische Konnotation, Andriessens musikalischer Kommentar der Worte Platons, die der Komponist „absurd“ nennt: fordert Platon zur „Reinigung“ des Staates die ausschließliche Nutzung nur einer Tonart in der Musik, bellt Andriessens Komposition in der entsprechenden Vertonung fast trotzig jedes tonale Zentrum in die Flucht. Heißt es, „Melodie und Rhythmus müssen sich doch nach dem Text richten“, presst Andriessen die altgriechischen Worte in eine sich kreisend wiederholende rhythmisch-melodische Formel. Auch wenn Metzmacher für sich keine vergleichbare inhaltliche Antwort gefunden hat, orientierte er seine Interpretation – „das Wort mag ich nicht“, so der Dirigent – an einer rein musikalischen Maxime: „Hier geht es vor allem um rhythmische Präzision.“ Eine klare Richtung, von der De Staat an diesem Abend profitierte. Fernab jedes bemühten Versuchens einer Aussage preschte die Musik des Ensemble Modern um ihrer selbst Willen bissig und griffig voran, treibend, blutvoll, stabil, demonstrativ, galoppierend, die Lanze im Anschlag. Und vor allem: laut.

„Meine Mutter hat früher gesagt, ich sei ein Krachmacher“, sagt Metzmacher beim zweiten Kölsch. „Aber eigentlich liebe ich das Leise. Ist eben so.“ Und er hat keine Scheu, in das vorgegebene Programm einzugreifen. So war der Pianist und Autor am Montag nicht nur Dirigent, sondern auch Dramaturg, der No Anthem trotz seiner von Andriessens Direktheit überschatteten Sphärenhaftigkeit und seines rauschhaften Pathos‘ eine Stimme verlieh. Andriessen, stark, begeisterte, wurde wissend und befriedigt abgenickt. Als erstes Stück des Konzertes wäre Gordon dieser Instanz gegenüber untergegangen. So wurde die Uraufführung in der Pause diskutiert. Und demonstrierte dadurch einen Bann, dem sich viele schlaue Musikästheten wohl gern entzogen hätten.